Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

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Vaters zu Maria zu denken. Bei den musizierenden vier Engeln ist man ver-
sucht, au das Engelskonzert des Grünewald zu denken. Die Zeigefinger der
schwebenden Engel und die aus dem Bilde herausschauenden Gesichter dieser
Engel scheinen zu sagen: „Seht, das ist diejenige, die euch das Heil bringt."
In den Engeln drückt sich nicht jubelnde Freude, wie man es bei Himmel-
fahrtsbildern erwarten könnte, ans, sondern die stille, selige Freude der himm-
lischen Geister über den gnädigen Ratschluß Gottes, der den Menschen das
Heil bringen soll.

7. Das zweite Bild ist ein Holzschnitts? ^X 7 % Zentimeter) von Ioh.
Wächtlin, der in einem Werke des Geiler von Kaisersberg von 151212) ent-
halten ist. Die Zeichnung zeigt einen von Wolken umgebenen Gott Vater, mit
Kaiserkrone gekrönt, von besten Haupt drei Strahlenbündel ausgehen, im
Mantel mit Dreipaßschließe, die Rechte segnend auSgestreckt; vor seiner Brust
eine nur 2 Zentimeter große Sitzfigur Mariens mit gefalteten Händen, unter
derselben die Weltkugel. Auch dieses Bild kann keine Mariä Himmelfahrt
darstellen, sondern kündet den Plan des Ewigen, durch Maria der Welt das
Heil zu vermitteln, also den Ratschluß der Erlösung.

8. Könnte nun nicht von diesen zuletzt besprochenen beiden Bildern ein
Licht fallen aus ein drittes Bild, nämlich die Schöpfung Adams durch
Michelangelo, in der Sixtinischen Kapelle, vollendet 1512? Näherhin
lneinen wir den Teil dieses grandiosen Bildes, in dem Gott Vater, in der
wuchtigen Mantelfalte eingeschlosten, seine Rechte der Hand Adams entgegen-
streckt und mit seinem linken Arm eine Frauensigur umfaßt. Gerade um diese
Frauenfigur und ihre Verbindung mit Gott Vater handelt es sich. Es ist be-
kannt, welch verschiedene Deutungen dieses Frauenbildnis erfahren hat. Die
weltbildende Sophia, die Personifikation der Menschenseele, das Urbild von
der Gefährtin im göttlichen Intellekt, einen Engel von männlicher Bildung
wie alle übrigen (Steinmann), ein Engelweibchen (Iusti), Eva (Martin
Spahn), das ist eine Blütenlese von Auslegungen, die diese Figur hervor-
gerufen hat. Richard Hofmann, der neuestenö sich mit den Deckenbildern der
Sixtinischen Kapelle befaßt hat'"), schließt sich Spahn an: „Es ist keine Frage,
daß dieses weibliche Wesen Eva bedeutet. Der Künstler erfaßte den ersten
Menschen als unzertrennbare Einheit von Mann und Weib. Mit seiner
Rechten ruft der Schöpfer Adam ins wirkliche Leben, mit seiner Linken um-
fängt er bereits das Weib, das er dem Mann als Gefährtin zuführen will."
Trotzdem erscheint es uns sehr befremdlich, daß auf diesem Bild der Schöpfung
Adams die Eva erscheinen soll. Die Geschichte der Ikonographie jedenfalls
lind die Geschichte der heiligen Offenbarung, und auch nicht spätere Legenden,
noch weniger die Überlieferung und Liturgie wisten etwas Ähnliches aufzu-
weisen. An all das aber hat sich Michelangelo bei seinem Wunderwerk der
Kunst doch sonst streng gehalten. Wir werden also doch wohl gezwungen sein,

i-) Geiler von Kaisersberg, „Predig d' Himelfart Ma. Dis feind fier predig" Straßburg,
Grüninger 1512.

13) Michelangelo. Die Decke der Sirt. Kapelle. Mit Einleitung von R. Hofmann 1925. Benno
Filser, Augsburg, S. 15.

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