Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

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sehen. Ihnen gegenüber fteht Gott Sohn, eine edle Mannesgestalt. Er erhebt
den Blick zu Gott Vater und weist auf seine Brust hin, aus der die Flammen
der Liebe Hervorbrechen. Aus seinem Munde entfließt daS beigeschriebene
Wort: Ecc6 ego, mitte me! (IsaiaS 6, 8). Ein Strahl der aus seiner Brust
hervorquellenden Flammen geht schräg links hinunter zu einer prächtigen
Engelsgruppe, die ein großes Kreuz hält. Aus Liebe zur Menschheit will er-
den Kreuzestod auf sich nehmen. Andere Engel halten weitere LeidenSwerk-
zeuge. Die ganze Darstellung läßt an Deutlichkeit und Eindringlichkeit nichts
zu wünschen übrig.

14. Auch das 19. Jahrhundert hat sich mit der Darstellung des Rat-
schlufseS Gottes beschäftigt. DaS Bild von Führich"), „Sendung Christi"
betitelt, zeigt in seiner unteren Hälfte die Geburt Jesu und deren Verkün-
digung an die Hirten. Darüber ist die in dem Himmel sich abspielende Szene
der Übernahme des göttlichen Heilsratschlusses durch Gott Sohn gegeben.
Gott Vater und Heiliger Geist, beide in menschlicher Gestalt, auf einem hohen
Throne sitzend, beide gekrönt, entkleiden Gott Sohn des Mantels der himm-
lischen Herrlichkeit und werfen über ihn, der mit Albe und Stola bekleidet ist,
ein Meßgewand, das wie die Kaseln im allgemeinen ebenfalls mit dem Kreuz
gezeichnet ist. Mit seiner Rechten legt Christus die Zeichen der Himmelsmacht,
Krone und Zepter, weg auf ein Kisten, das ein vor ihm kniender Engel hält,
und streckt seine Linke aus nach der Dornenkrone, die ihm ein kniender Engel
hinhält, der ein großes Kreuz in seinen Armen hält. Zwei dampfende Opfer-
schalen links und rechts von Christus weisen noch besonders hin auf das Opfer,
das er nach dem ewigen Willen Gottes für die Menschen auf sich nimmt.
Dieses Bild schließt sich mit der Darstellung sämtlicher drei göttlicher Per-
sonen in menschlicher Gestalt an die Bilder des 15. Jahrhunderts an. Mit der
Abnahme deS Mantels der göttlichen Herrlichkeit und durch die Bekleidung mit
dem Meßgewand des Opferpriesters ist jedoch ein wesentlich neues Moment in
der künstlerischen Konzeption des Gedankens gegeben.

In diesen 14 verschiedenen Bildern, die wir bis jetzt besprochen haben, ist
vor uns eine bunte Reihe von Darstellungen deS Ratschlusses der Erlösung
vorübergezogen, die wohl sicherlich von großem ikonograplnschen Interesse sind.
Damit dürfte jedoch unsere Aufgabe nicht erfüllt sein. Man wird sich fragen
müssen: Wie kommt die Kunst zur bildlichen Erfassung dieses dem irdischen
Auge verborgenen Gedankens? Welches sind die Quellen, aus denen die künst-
lerische Inspiration hervorsprudelte und welche bildschaffendcn Motive haben
mitgewirkt, um diese Bilder zu konzivieren, die seit dem 10. Jahrhundert
immer wieder die Künstler angeregt haben?

Die Idee von dem Ratschluß der Erlösung ist begründet in den Ver-
heißungen GotteS über einen kommenden Erlöser in dem Protoevangelium,
an die Patriarchen und durch die Propheten. Durch die verschiedenartigen
Heimsuchungen, die Gott über das Volk der Erwählung verhängte, wurde in
demselben die Sehnsucht nach Erfüllung der Erlöserverheißung gerufen, die

1G) (Ein Krcidcbild erschien im Verlag von Schuster, Berlin. Ei» Abdruck des Bildes ist enthalten
in Cigoi, Das Leben Jesu, I, S. 37.

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