Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

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„Dir nur ist es bekannt, mit was für Einmut wir damals,

Du, mein Vater, und ich und der Geist die Erlösung beschloffen.

In der Stille der Ewigkeit, einsam und ohne Geschöpfe,

Waren wir beieinander. Voll unserer göttlichen Liebe
Sahen wir auf die Menschen, die noch nicht waren, herunter...

Vater, ich sah ihr Elend, du meine Tränen. Da sprachst du:

Lasset der Gottheit Bild in dem Menschen von neuem uns schaffen!
Also beschloffen wir unser Geheimnis, das Blut der Versöhnung
Und die Schöpfung der Menschen, verneut zu dem ewigen Bilde!

Hier erkor ich mich selbst, die göttliche Tat zu vollenden."

Weit übertroffen aber an Anschaulichkeit und Bildhaftigkeit wie an
Hoheit und Innigkeit werden diese Crzeugniffe der Poesie durch die mittel-
alterliche M y ft i k. Hier ist es vor allem Schwester Mechtild von Magde-
burg'"), welche sagt: „Da erhob sich ein hoher Rat in der Heiligen Dreieinig-
keit, und der ewige Vater sprach: Mich reut meine Arbeit; denn ich hatte
meiner Heiligen Dreieinigkeit eine so edle Braut (d. i. die Menschenseele) ge-
geben, daß die höchsten Engel ihre Diener sein sollten. Ja, wäre Luzifer auch
in seinen Ehren geblieben, sic hätte seine Göttin sein muffen. Denn ihr allein
war das Brautbett gegeben. Doch sie wollte mir nicht länger ähnlich sein. Nun
ist sie mißgeschaffen und greulich gestaltet. Wer sollte den Unflat aus sich
nehmen?

Da kniete der ewige Sohn vor seinem Vater lind sprach: Lieber Vater,
das will ich sein. Willst du mir deinen Segen geben? Ich will gern die blutige
Menschheit an mich nehmen und will des Menschen Wunden salben mit dem
Blut meiner Unschuld und will sie alle verbinden mit dem Tuch elender
Schmach bis an mein Ende, und ich will dir, lieber Vater, der Menschen
Schuld mit menschlichem Tode bezahlen.

Es sprach der Heilige Geist zum Vater: 9, allmächtiger Gott, wir wollen
niederfteigen in hoher Ehre von dieser Höhe. Bin ich doch bisher schon
Mariens Kämmerer gewesen.

Da neigte sich der Vater in großer Minne zu ihrer beiden Willen und
sprach zum Heiligen Geist: Du sollst mein Licht vor meinem lieben Sohn
hertragen in alle die Herzen, die er mit meinen Worten soll bewegen. Du aber,
Sohn, sollst dein Kreuz auf dich nehmen. Ich will vor dir wandeln all deine
Wege und will dir eine reine Jungfrau zur Mutter geben, damit du die unedle
Menschbeit desto eher ertragen magst.

Und sie stiegen mit großen Freuden hernieder in das Templum Salo-
moniö. Da wollte der allmächtige Gott nenn Monate zur Herberge sein."

Die überraschende Feinheit und Zartheit dieser Darstellung ist nie mehr
erreicht worden, auch nicht von dem geistvollen Straßburger Prediger Geiler
von Kaisersberg, der in seiner Schrift cle arbore humana ebenfalls den

20) I. Müller, Lebe» und Offenbarungen der hl. Mechtildis u. der Schwester Mechtildis, 2 Bdc.,
Regensburg, Manz, 1880/81 und Gall Morel, Offenbarungen der Schwester Mechtild von Magdeburg,
oder das flicstende Licht der Gottheit, Rcgcnsburg, Manz 1869, III. Teil, 10. Kap., S. 70/71,
f. Archiv f. chr. Kunst 1925, S. 66/67.

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