Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

Seite: 74
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Hohepriester von Rom, nicht aus einer anderen entfernten Stadt, sondern
vom höchsten Himmel ist sein Ausgang. Er kam, sage ich, in sein Heiligtum, in
den Schoß der seligsten Jungfrau Manch")."

Im Vorstehenden durfte das -Quellenmaterial über den Ratschluß der
Erlösung ausgiebig dargeboten sein. Man sieht, wie dieser Gedanke in den
verschiedensten Geistesäußerungen im Christentum Leben gewonnen hat. So
war es,der Künstlerpsyche nicht schwer, sich für die bildnerische Darstellung
des Gegenstandes inspirieren zu lasten.

Es ist aber bezeichnend, daß wie die Literatur und die mystische Betrach-
tung, so auch die Kunstübung sich bemühte, einen möglichst innigen A n-
s ch l n ß a n d i e H e i l i g e S ch r i f t zu gewinnen. Darum forschte man, wie
dreö die Armenbibeln für die zeitlichen Ereignisse der Heilsgeschichte getan
hatten, auch für diesen Gedanken nach biblischen Quellen und nach Typen.
Wie auS dem angeführten Bildermaterial und der literarischen Bezeugung
des Gedankens des ErlösungSratschlusteS leicht ersichtlich ist, kommen haupt-
sächlich folgende Stellen der Heiligen Schrift in Betracht:

1. DaS Protoevangelium I. Moses 3, 15: „Feindschaft will ich setzen
zwischen dir und dem Weibe" usw. Die Stelle wird als Erlösungswille
Gottes aufgefaßt, und an sie schließen sich an das oben genannte Florenzer
Bildwerk aus dem 10. Jahrhundert, ferner die Darstellungen, bei denen Gott
Vater in Verbindung mit der Madonna allein gegeben ist. Es wird nicht
nötig sein, darauf aufmerksam zu mache», daß die Erzählung vom Sündenfall
und die Verheißung deö Erlösers im Brevier vom Feste der Unbefleckten
Empfängnis am 8. Dezember gelesen wird.

2. Nicht von der Hand zu weisen ist auch die Beziehung dieser Bilderreihe
aus daö Buch der Sprüche Salomonis, wo im 8. Kapitel die Weisheit als
Lehrerin gepriesen wird. Besonders sind es Vers 22 ff., die hier in Betracht
kommen: „Der Herr erschuf am Anfang seiner Laufbahn mich als erstes seiner
Werke. Vorlängst von Ewigkeit her bin ich eingesetzt, zu Anfang seit dem
Wellbeginn" usw. Diese Stellen werden ja in der Liturgie, besonders an
Marienfesten, auf Maria selbst bezogen. So im Commune iestorum B. M. V
des Breviers. Auch die Mystik verwertet diese Stellen für die Stellung
Mariens im Heilsplan. Johannes von Damaskus sagt: „Es stritten sich die
Weltzeiten, welche am meisten sich deines (Mariens) Entstehens rühmen
könne. Aber ihren Streit überwand der v o r b e st i m m t e Rat Gottes, von
dem die Weltzeiten geschaffen sind"')." St. Bernhard nennt Maria deswegen
das Negotium ommum sueculorum^)! Albertus Magnus preist sie als die
„Erstgeborene vor aller Schöpfung; sie war vor aller Weltzeit vorausbe-
ftimmt, daß jemand sei, aus dem alles Geschaffene ausö neue geschaffen werden
könnte"")." Daraus geht hervor, daß die Erklärung der Madonna in Ver-
bindung mit Gott Vater als Bild des HeilSratschlusteS gut begründet ist.

3") Geiler von Kaisersberg, de arbore humana, Straßburg 1514, fol. 94a.

31) Sermo 1 de Nat. Virg. s. Com. a Lapide, Comment, in proverbia Sal. @. 185.

32) I. c. S. 184.

») I. c. S. 184. .

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