Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

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Jedenfalls gibt es keine bessere und sicherer fundierte Erklärung, als die ge-
gebene, auch nicht für das Bild des Michelangelo in der Sixtina. Keine der
anderen Erklärungen kann sich einer Begründung aus Bibel, Liturgie, Mystik
und Predigt des Mittelalters rühmen, und die Ikonographie wird einer der-
artigen Begründung nicht entraten können, wenn ihre Behauptungen nicht in
der Luft stehen sollen.

3. Weiter ist aufmerksam zu machen auf Psalm 39, 8: „Drum sag ich:
Siehe, ich bin bereit zu dem, was in der Bücherrolle mir ist vorgeschriebe«.
Zu tun, was dir gefällt, mein Gott, ist meine Lust, in meinem Innern wohnet
dein Gesetz." Das Wort ist ans der Seele des Gottessohnes gesprochen anf-
zufasien und soll die Bereitwilligkeit zur Übernahme des Erlösungswerkes be-
kräftigen. Der Ausdruck: „iu der Bücherrolle", „in capite libri“, erklärt am
besten die Bücher in der Hand des Vaters und Sohnes und des Jesuskindes
auf dem Florentinerbild und bezieht sich auch auf das Buch im Bilde des
Konrad Witz. — Die messianifche Bedeutung des Psalms und speziell dieses
Psalmworts steht außer allem Zweifel. In dieser Hinsicht sei auf die Psalmen-
kommentare verwiesen. Es ist leicht möglich, daß das „Ecc6 venio“ (Ps. 39, 8)
dem Maler Witz bei seinem Bilde hauptsächlich vorschwebte.

4. Bildkräftiger erscheint die Stelle Exodus 3, 10: 8ed veni, et mittam
te ack ?üaraonem, ut eckuea8 populum meum, filios Israel, de Aegypto:
„Aber komm, und ich will dich senden zu Pharao, daß du mein Volk, die
Söhne Israels, herausführest aus Ägypten." Sie wird verbunden mit
Ex. 4, 13: „Ich beschwöre dich, Herr, sende den, welchen du senden wirst
(willst)." Bei der Erklärung von Isaiaö 50, 5 weist Corn. a Lapide auf die
Exodusstelle und sagt: „Moses widersetzte sich der Berufung GotteS. Aber
Christus, vom Vater gesandt zur Erlösung der Menschheit, war sofort ein-
verstanden und brachte sich zum Opfer darH." In der Weihnachtssest-Minia-
tur deS Misiale aus HildeSheinüI bildet ein dreiteiliges Bild den oberen
Abschluß: Vor einem Dreieck (Dreifaltigkeit) erscheint im Dornbusch das
Haupt GotteS, und die Hand Gottes hält ein Spruchband mit den Worten:
veni, mittam te — komm, ich will dich senden. Rechts kniet MoscS, den
spitzigen Iudenhut auf dem Haupte, und hält ein Spruchband mit der Legende:
Ich beschwöre dich, Herr, sende den, welchen du senden wirst, während links
Johannes der Täufer steht mit dem Spruch: qui de coelo venit, super omnes
est— wer von oben kommt, ist über allen (Ioh. 3, 31). In dieser Miniatur
ist Moses als zaghafter Typus des freudig sich dem Erlösungswerk widmenden
Gottessohnes gezeichnet.

5. Weitaus am natürlichsten und besten schließt sich die Idee vom Rat-
schluß der Erlösung an Isaiaö o, 8 an: „Da hörte ich des Herrn Stimme
sprechen: Wen soll ich senden? Ja, wer von uns mag gehen? — Ich sprach.
Ich bin bereit, o sende mich. — Da sprach er: Geh" usw. Hier ist der Prophet
in der Vision zum Himmel erhoben. Er hört das Zwiegespräch über Sendung

34) Corn. a Lapide, Isaias @.411, Antwerpen 1664.

35) Zeitschrift f. chr. Kunst 1902, Sp. 309 und 315. Das Miffalc ist im Besitz des Grafen von
Fnrstcnberg-Stainmheim. Es stammt ans den, 12. Jahrhundert.

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