Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

Seite: 76
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und Annahme und Auftrag der Sendung. An diese Stelle erinnern die »reiften
der besprochenen Bilder, an sie gemahnen die Denkmale der Literatur. Auf dem
Livre d'heureö-Bild liegt in der knienden Haltung des Sohnes das Anerbieten
an Gott Vater, in der Übergabe des Kreuzes die Übertragung der Sendung aus-
gesprochen. Auch bei Konrad Wib drückt die Haltung des sich von seinem Thron
erhebenden und sich demütig gegen den Vater neigenden Sohnes die Bereit-
willigkeit zur Annahme der Sendung aus, die sich arich auf denr Pfarrer
Iakobfchen Bilde zeigt, wo Gott Sohn, seinen Thron verlassend, sich vor dem
Vater niederwirft. Das Tympanonbild Grünewalds zeichnet in einfachster
Form das Wort des Sohnes: „Ich bin bereit, o sende mich!" In breitester
Ausführlichkeit dagegen nimmt der Stich von Göz und Klauber den ganzen
Wortinhalt der Ifaiasstelle auf, und Baptist Enderle hat dieselbe Stelle vor
Augen, wenn er seinem Ratschlußbild die Worte beifügt: Ecc6 ego, mitte me:
Auch die oben angeführten Kirchenlieder schließen sich eng an den jesaianischen
Text an, und in Mechtild von Magdeburg glaubt man die penibelste Malerin
der prophetischen Vision bewundern zu müssen. Nur wenig geht Geiler von
Kaisersberg eigene Wege, wenn er für das Wort vade —- Gehe! bei IsaiaS 6,9
ein anderes „vade“ aus 3 Könige 17, 9 substituiert aus der Sendungs-
geschichte des Propheten Elias nach Sarepta. Der Schluß seiner Dar-
stellungen mündet ganz ein in den Gedanken der Schwester Mechtild.

Die beiden Bilder, der Holzschnitt aus der Dietenberger-Bibel und die
Zeichnung von Führich, setzen den Ratschluß Gottes mehr in die nächste Be-
ziehung zur Erniedrigung, zum Blutgehorsam und Opfertod des Gottes-
sohnes, während das Obermarchtaler Gemälde noch die Folgen der Ausfüh-
rung des Erlösungsratschluffes in die Schilderung einbezieht. Die besondere
Gedankendeterminierung dieser Bilder ist in der Schrift so vielfach berührt,
daß wir hier nicht näher auf sie eingehen müssen.

Damit haben wir wohl zum erstenmal das eigentümliche Thema des Rat-
schlusses der Erlösung ausführlicher behandelt. Das Bildermaterial, so ver-
schiedenartig es auf den ersten Blick anmutet, bindet sich doch ungezwungen zu-
sammen zur Schilderung des tiefen Gedankens, der ein eigenartiges Leben
durch viele Jahrhunderte hin geführt bat und weiter führt in Poesie und
Liturgik, in Mystik und Predigt. Diesem Leben nachzugehen und ihm in seinen
verschlungenen Pfaden zu folgen, war der Reiz dieser Studie, auf die uns die
Beschäftigung mit dein Isenheimer Altar hingeführt bat"').

S. Archiv f. chr. Kunst 192?, S. 58 ff. Weser, Zur Ikonographie des Isenheimer Altars.
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