Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

Seite: 93
DOI Heft: 10.11588/diglit.15944.22
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15944.23
DOI Seite: 10.11588/diglit.15944#0097
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1926/0097
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
heute noch, „Mariä Himmelfahrt" geweiht, wie dies auch bei der Reichenauer
Klosterkirche der Fall war.

Bei dieser Gelegenheit sei noch bemerkt, daß die Kapelle in Söflingen,
deren PatronatSrecht am 13. Januar 1258 an das Kloster überging, die
Kapelle der hl. IakobuS und Laurentius war, die bis 1S05 auf dem fefyt so
genannten Gemeindeplatz stand und der Sage nach schon von Karl dem Großen
gegründet sein soll. Die St. Leonhardskapelle aber gehörte zur alten Pfarr-
kirche zu Ulm und dann zur Münfterpfarrei.

Was nun den erftenKlosterbauzuSöflingen betrifft, der 1258
begonnen wurde, deffen Kirche jedenfalls noch im gleichen Jahr vollendet war,
so lasten uns die Akten und Urkunden darüber vollständig im dunkeln. Wir
haben wohl an einen Kirchenbau im Stil des Übergangs vom romanische»
zum gotischen Stil oder im frühgotischen Stil zu denken, dessen Ausmaße nickt
besonders groß gewesen sein werden. Es wird der Übung der Franziskaner
gemäß ein einschiffiger Kirchenbau, mit einem Dachreiter oder kleinen Türm-
chen versehen, gewesen sein. Auch der Klosterbau wird einfache Verhältnisse
gezeigt haben: einen unteren Stock mit Kreuzgang und einen oberen Stock
mit Zelleneinbau. Wenn wir in Akten des 15. Jahrhunderts lesen, daß
manche der adeligen Insassen eine eigene Stube und eigene Bedienung gehabt
haben, so ist vielleicht anzunehmen, daß für diesen Zweck einige Zellen zu-
sammengenommen wurden. So wissen wir z.B., daß die nach der Reform von
1484 wieder ins Kloster zurückgekehrte Äbtissin Ckristina Strölin, eine
Ulmer Geschlechterin. für sich ein eigenes Zimmer, eine Stube erhielt mit
eigener Bedienung. Der Klosterkreuzgang, das Refektorium, der Kapitels-
saal und wohl noch einige andere Räumlichkeiten des unteren Stockwerkes
waren mit Rippengewölben au§ gebranntem Ton, aus Ziegeln versehen, und
der Boden war, auch in den Gängen, mit Ziegeln hergestellt. In diesen Räu-
men waren die kleinen quadratischen Ziegelvlättchen verwendet, die mannig-
fache Muster in teils geometrischen, teils Pflanzen-, teils Tiermotiven auf-
gewiesen haben. Dieselben wurden von dein Verfasser dieser Arbeit im Jahre
1914 t» der Zahl von etwa 250 Stück, abgesehen von zahllosen Bruchstücken,
in dem letzten Mauerrest des zweiten Klosterbaues und im jetzigen Stadt-
pfarrhaus bei Gelegenheit der Erneuerung desselben aufgefunden, wo sie als
Überreste des ersten Baues wieder zur Herstellung beim zweiten Bau Ver-
wendung fanden^). Die Farbe dieser Plättchen ist teils rot, teils braun,
schwarz, gelb; die Musterung zeigte etwa 25 verschiedene Arten. Auch eine
größere Anzahl von Gewölberippen wurde bei dieser Gelegenheit ans Tages-
licht gebracht, die noch den ehemaligen gelblichen Verputz tragen. Die einzelnen
Ripvenstücke haben eine Länge von 26 Zentimeter, eine Breite von
10 Zentimeter. Eine kleinere Art von Rippen ist 14^ Zentimeter lana und
10 Zentimeter breit. Die teilweise sehr kunstvoll zusammengesetzten Zeich-
nungen der Plättchenmuster mit ihrer Variation in verschiedenen Farbtönen
müssen einst ein sehr abwechslungsreiches und lebhaftes Bild gegeben und eine

Der Fund ist beschrieben im Archiv für christl. Kunst 191“» (S. 90 ff.) mit Abbildung der Muster.
Eine große Anzahl dieser Bodenfliescn ist im Städtischen Museum zu Ulm aufbcwabrt.

93
loading ...