Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

Seite: 96
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wieder eine innere Gesundung und Kräftigung im Gefolge hatte. Dabei
wurde auch die zahlenmäßige Präponderanz der Adeligen und Geschlechter im
Schoße der Klosterfamilie gebrochen. Das bürgerliche Element gewinnt die
Oberhand. Für den damals auch sehr verarmten und verschuldeten Adel und
seine Töchter bot das strengerer Disziplin sich unterwerfende Kloster nicht
mehr so viel Reiz. Es bedeutet äußerlich und innerlich einen Bruch mit der
Vergangenheit, wenn die Söflinger Nonnen von der Klosterreform an ihre
Äbtissinnen im Seelbuch in einer neuen Zahlenfolge aufführen und benennen:
„die erste, zweite usw. Äbtissin nach der Reformierung".

Unter den Anklagen, die gegen die Schwestern bei der Reformbewegung
erhoben wurden, befindet sich auch der Vorwurf der Mißwirtschaft, der
schlechten Verwaltung des Klosterguts. Wie weit dieser Vorwurf gerecht-
fertigt war, läßt sich nicht mehr genau feftstellen. Auch das Klostergebäude
muß in jener Zeit ziemlich herabgekommen gewesen sein und die neue Äbtis-
sin beschloß deswegen einen Neubau des Klosters, jedoch nicht der Kirche. Die
tatkräftige Klostervorsteherin, die den Neubau durchführte, war Elisabeth
Reichnerin. Sie begann schon 1492 und führte das Werk so gut aus,
daß dasselbe im großen und ganzen bis 1818 bestand. Der Bau war bedeu-
tender in Hinsicht auf seine Ausdehnung als auf seine Höhe, Uber den
Kelleranlagen und einem Netz von Wasserleitungen erhob sich ein Parterre-
stock und darüber noch einmal ein Geschoß, das von einem großen Dachwerk
bedeckt war. Das Steinmaterial wurde zum Teil dem alten Bau entnom-
men: Quadersteine, Findlingfteine, Kalksteine und besonders Ziegelsteine,
welch letztere eine eigene Ziegelei lieferte. Das Holz boten in reicher Fülle
die eigenen Wälder.

Schon möchte man sich freuen, den Namen des Architekten dieses Baues
gefunden zu haben, wenn man in einer Urkunde vom 19. September 15421S)
auf die Namen stößt: ,,Peter Schnecklin, Bawmeister in Söflingen" und
„Heinrich Baltheyßen, alter Bawmeister, jetz zu Ulm". Allein das Wort
„Baumeister" bezeichnet in den Klosterakten den Vorsteher der Landwirt-
schaft, den Meister des Feldbaues des Klosters. So schon in einer Urkunde
von 1303*°), wo als Zeuge in einem Prozeß aufgeführt nürt>: IFrater C. dic-
tus Bümaister, conversus in Sevelingen, eo tempore, quo fuit in monasterio
habebat officium quod dicitur Bümaister, et quo officio singulis annis
transmisit carrucas pro apportandis frugibus decimarum in Ensingen, d. h.
„der Frater E., genannt Bümaister, Konverfe in Söflingen, hatte zu der
Zeit, wo er im Kloster war, das Amt, das man Bümaister nennt, nach wel-
chem er jedjährlich die Wagen zur Herbeischaffung der Zehntfrüchte nach Ein-
singen absandte". Auch für die späteren Jahrhunderte bat das Wort diese
Bedeutung. Das Seelbuch von 1753 nennt: „Ludwig Bacher, alter Bau-
meister", und „Michael Bayr, der viel Jahr unser getreuer Baumeister ge-
wesen". Für 1639 nennt das Taufregister den „Baumeister" Michael

is) Verteidigung bcr Freiheit und Jmmedictät des GdtteShanfcS Söflingen (von I. W. Schräder)
1772, Beilage» S. 97.

i") Ult. I 283.

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