Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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rückt in den weiten, tiefen Horizont der Weltgeschichte. Gmünd war gnt be-
rate», als die Stadt unter andern wertvollen Gaben die Monographie des
Herrn Professors Dr. Anton Nägele dem Bischof, dem Sohne und Ehren-
bürger Gmünds, znm Doppelfubiläum auf den Gabentisch legte. Der hohe
Empfänger war selber voll des Lobes über die solide, streng wissenschaftliche
und doch von warmem Gemütsleben durchwehte Arbeitsweise deö VerfasierS,
und über der wissenschaftlichen soll die persönliche Tat nicht vergessen werden,
daß er, nachdem die Gesundheit ihn zum Abschied von der Lehrtätigkeit genö-
tigt, sofort sich ein neues Arbeitsfeld geschaffen hat, dessen Früchte weit hin-
anSgreifen über den Ranm eines Lehrgebändes und noch nach Generationen
Freude machen. Möge er unS noch recht lange erhalten bleiben!

Und nun vom Forscher zum Forschungsgebiet und den F o r s ch u n g Ser-
ge b n i sse n! Zunächst in Kürze die wichtigsten Daten.

Um 1326 beginnt man, daS Schiff von Westen nach Osten zn bauen und
ist 1351, also nach 25 Jahren, mit dem gewaltigen Werke fertig. Noch im
gleichen Jahr (1551) nimmt man den Chor in Angriff und schließt ihn ab im
Jahre 1410, also nach 59 Jahren, mit der Hochaltarweihe. Dann setzt die
Bemalung einzelner Teile wie Grabkapelle, Westportal usw. ein. 1491 über-
nehmen Aberlin Jörg und HanS von Urach die Einwölbung, entfernen trotz
der Warnnng BöblingerS, des Ulmer MünsterbaumeifterS, die Chorscheide-
bögen nnd verursachen dadurch die Karfreitagskatastrophe vom Jahre 1497,
den Einsturz der beiden Türme. Trotzdem kann die Einwölbung des ganzen,
weiten Raumes i. I. 1521 abgeschlossen werden (durchgeführt von Osten nach
Westen). In den Jahren 1550- 1555 folgt Gewölbe und Brüstung der
Empore. 1670 wird der Hochaltar, 1688 das Orgelgehänfe, 1695 die Ma-
riensänle vor dem Ostchor, 1774 der Dachreiter erstellt. Gleichzeitig bereichert
sich der Kirchenschatz um seine schönsten Stücke. 1846 beginnt die Erneue-
rung und trägt sich sogar mit einem Turmbauplan. — So wirken also alle
Generationen seit den Tagen Ludwigs des Bayern zusammen und zwar in
guten wie m bösen Tagen, um dies Kleinod kirchlicher Kunst zu wahren und
immer wieder mit neuer Herrlichkeit zu umkleiden.

Denn ein Kleinod ist's, ein Werk, dem ein genialer Meister den Stem-
pel seines Geistes anfgedrückt hat. Das ist kein kleinliches Zusammenklittern
und Zusammeuschweifien von Baugliedern, die alle schon irgendwo und irgend-
wie sich vorfanden, sondern ein organisches Herauswachsen und freies und doch
harmonisches Sichentfalten aus der Ideenwelt eines der Großen im Reiche
der Kunst. Es ist kein Zufall, daß die Länge 77 Meter, die Breite 22 Meter,
die Höhe gleichfalls 22 Meter beträgt, daß die Maße des Cüors 22:11 Meter
sind, also durchweg Elferzahlen in klaren Größenabftänden. Beim Freiburger
Münster ist die Höhe 27, die Breite 50, die Länge 125 Meter; beim Ulmer:
Höhe 42, Breite 49, Länge 124 Meter. Die Verhältnisse sind also bedeu-
tend komplizierter als in Gmünd. Oder — die anwesenden Akademiker und
wer sonst Tübingen kennt, die mögen sich an das riesige Stiftskirchendach er-
innern, daS in keinem Verhältnis zur ^chiffShöbe steht: wie klar, harmonisch
und wohlabgewogen ist da alles am Münster zu Gmünd!

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