Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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Herr Pfarrer Pfeffer-Lautlingen, der zweite Vorstand unseres Diözefan-
kunstvereinS, wird Ihnen morgen früh im Münster selber die nötigen Auf-
schlüsse geben. Ich beschränke mich ans einen kurzen Überblick. Wir sahen den
Engel, der Maria die frohe Botschaft bringt, die hl. drei Könige, die huldi-
gend zur Krippe eilen, daS ganze Leben Mariens, das Leiden des Herrn, die
klugen und törichten Jungfrauen, Propheten, Märtyrer, Engel, also in ge-
drängter Uebersicht den Weg Gottes zu den Menschen durch seine Gnadener-
weise und den Weg der Menschen zu Gott durch Erdennot und Erdenleid zu
des Himmels Frieden und Seligkeit.

Betreten wir das Innere, so schwingt sich der Geist empor an den
schlanken Säulen und Fensterbogen zu Gott, dem Vater der Lichter. Ein
stilles und doch deutliches Sursuni; corda tönt uns entgegen. Gleiten wir
aber vorwärts von Säule zu Säule, von Bogen zu Bogen bis zum vorder-
sten, einander näher gerückten Säulenpaar, das als Ehrenposten zur Linken
und Rechten des Hochaltars steht, so werden wir zum Throne Gotteö selber
geführt und daran erinnert, daß der, der über den Wolken thront, hier seinen
Gnadensitz aufgeschlagen hat.

Halten wir von da aus noch einmal Rückschau, so stehen vor unS die
schlanken Säulen des Schiffs und die in leichtem Spiel sich treffenden und
durchschneidenden Rippen und Gurten des Gewölbes. Stellen wir im Geiste
daneben die massigen Pfeiler der Iohanneskirche, oder etwa der Klosterkirche
von Lorch, der romanischen Teile der Münster bezw. Dome von Straßburg,
Freiburg, Speyer, Worms, Mainz, so sind die Münftersänlen von Gmünd
Siegessäulen des menschlichen Geistes, der des starren Steines Herr gewor-
den ist, alle Schwierigkeiten spielend überwindet und die schroffe Spannung
zwischen stützenden und lastenden Baugliedern durch die anmutigen Gebilde
der Kunst verschleiert, ja sie znm Sinnbild des fröhlichen Aufblicks und Auf-
schwungs zu Gott macht.

Den Siegessäulen fehlt nicht das Siegeslied. In monumentalen und
doch klaren, ebenmäßigen Formen hat die R en a i f s an c e die Empore aufge-
baut. Dagegen hat die Barockzeit den acht Giganten der Orgel eine
Wucht und Kraft gegeben, als wollte sie in Formen auSdrücken, was die da-
malige und die nächstfolgende Zeit in den Tonwogen figurierter Messen mit
klingendem Orchester, Pauken- und Trommelschlag tind dröhnendem Orgel-
spiel hinauSschinetterte ins Gotteshaus.

Ein völlig andrer Geist weht uns vom Osten der Kirche entgegen.

Ein herrlicher Kranz von Kapellen umgibt das Allerheiligste.
Betonte das Schiff die Gleichheit und Zusammengehörigkeit aller, also den
Gemeindegedanken, so war hier die Pflegestätte stiller Einkehr, besinnlicher
Beschaulichkeit und namentlich ein weites Feld für die Opferwilligkeit und
Gebefreudigkeit einzelner Familien und Sippen. Allen voran steht die
Schreyersche Kapelle. Aber andere treten in edlen Wetteifer mit ihr. Vieles
ist ja mit der Zeit verloren gegangen. Aber trotzdem bergen sie auch heute noch
Perlen gotischer Baukunst und Plastik, wie den Sebalds- und den Sippen-
altar, daö hl. Grab, die Apolloniagruppe. Sind es auch nur Reste ehemaligen

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