Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

Seite: 30
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men, ohne die lebendige Anlehnung an die gute Überlieferung zu verlassen.
Man fühlt aus jeder Fuge, daß Hans Her ko mm er ein Führer in der
katholischen Kirchenbaukunst der Gegenwart ist. Lebendig beseelt er die an-
urntige Freitreppe, die in vielen Stufen zum Portalvorbau, an der linken
Seitenwand der Kirche gelegen, ansteigt, breit und fein gegliedert. Sie hat
sich bereits als brauchbare Freilichtbühne ausgewiesen. Der Kanzelvorbau
an der westlichen, gestaffelten Stirnwand dient ästhetischen Zwecken nicht we-
niger als praktischen, da der Westwand der Kirche ein großer freier, mit schat-
tigen Kaftanienbäumen bepflanzter Platz vorgelagert ist, der Tausende auf-
nimmt. Der klnterbau mit seinen aus der Gotik abgewandelten Spitzzacken-
fenstern, die rund um den Bau herum gehen, erinnert an alte Kreuzgänge.
Die kubische Form der Gliederung der unteren und oberen Fensterreihen läßr
die alt sich wuchtigen Wände aufgelöst und federnd erscheinen. Auch der mastige
Turn: wird durch die Stockwerkfenster und durch die Steinpfeiler der hohen
Lichtöffnungen im Glockenraum gut aufgeteilt. Durch den östlich anmutenden
Turmaufsatz (manche sprechen von Pagodenform!) hat der Künstler wie ehe-
dem Hans Schweiner im Kiliansturm etwas Eigenes, Ungewöhnliches geben
wollen. Der Turm erfährt dadurch einen pastenden Auöklang, der die drük-
kende Schwere des massiven Mauerwerks beheben soll. Der Umgang auf dem
Turmkranz bietet schöne Aussicht auf die Stadt bis hinab zunt Odenwald.
Der Turm selber ist zu Wohnungen eingerichtet. Untergebracht sind fünf
Zweizimmerwohnungen je mit Küche und Abort, klnter dem Glockenstuhl ist
ein Herbergsraum für durchreisende Gesellen, über demselben das „Nest"
der Quickborner. Im Glockenstuhl schweben vier Klangftahlglocken (Augusti-
ituö-, Toten-, Franziskus- und Aveglocke) voit der Firma Lattermann in
Apolda, die elektrisch geläutet werden können. Unten befindet sich über der
Meönerwohnung die geräumige, für Priester und Meßdiener gesonderte Sa-
kristei, die dann später mit dem Pfarrhaus verbunden wird. Jeder Raum des
Turms ist ausgenützt. Im Unterbau sehen wir verschiedene Räume: unter
dem Hochaltar die Gemeindebücherei mit ungefähr 5000 meist neuen Bänden,
vielfach von den Verfassern geschenkt, daneben das Lesezimmer mit bequemen
Rohrstühlen. Der große Konferenzsaal faßt 200 Personen und hat vorn eine
weiße Wandfläche für die Epidiaskopvorführungen. Im westlichen Teil des
llnterbaus ist die Kinderschule untergebracht. Dazu kommen vier geräumige
Schwesternzimmer. Die Räume haben alle Zentralheizung bis hinauf in die
oberste Turmwohnung, ebenso Wasserleitung und elektrische Beleuchtung.
Daö Pfarrhaus wird links an den Turm angebaut (schon begonnen), das Ge-
meindehaus rechts an die Kirche in der Verlängerung der Kinderschule.

II.

Das Äußere der Kirche befriedigt restlos. Daö Innere verrät auf den
ersten Blick bewußte Bescheidenheit, um uicht zu sagen Nüchternheit. Alles
Ablenkende ist ferngehalten. Der Forderung einer „chriftozentrischen Kirchen-
kunst" naht in der Heilbronner Augustinuskirche ihrer Erfüllung. Der Blick
deS Beters ist frei für die Kulthandlung auf dem hochgelegenen Altarraum.

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