Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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Hunderts fefthalten, neben anderen Biographien seines geistreichen Buchs auch
einige Züge aus dem Bild des römischen „LenbachS unter den deutschen Bild-
hauern". Anders, als er sich bei dem großen Zug durch die damalige deutsche
Politik Deutschlands Zukunft gedacht, sind die angeblich geiftverbindendeü
Wirkungen des Dreibund Vertrags eingetroffen; eine grausame Ent-
täuschung hat das nicht mehr wie unter päpstlicher Herrschaft wahrhaft inter-
national eingestellte, moderne Rom deutschen Künstlern und Gelehrten im
Weltkrieg bereitet und ungezählte Bande geistiger Art gelockert und zerrissen.
Hätte der greise Künstler, der in mehr als fünfzigjährigem Aufenthalt in
Rom eine zweite Heimat, die Stufe zu seiner künstlerischen Größe fand, der
gefeiertste Porträtist internationaler Berühmtheiten, den Gang der Dinge
des nächsten Jahrzehnts vorausgesehen, er würde wohl nicht die Töchter und
die hochbetagte Schwester, die den Aufstieg des Vaters und Bruders erlebten,
im Lande der einstigen Verbündeten und späteren Kämpfer gegen „deutsche
Barbarei" zurückgelaffen haben, darbend oder duldend unter den annoch un-
vernarbten geistigen und materiellen Wunden des unseligsten aller Weltkriege!

Über diesen schmerzlichen Riß hebt uns das Säkulargedächtnis des
großen Bildhauers hinweg und lenkt den Blick in eine Vergangenheit, die
dem heutigen Nachkriegsgeschlecht fast schon allzuweit zurückzuliegen scheint.
Das Zentenargedächtnis der Geburt eines Großen im Reiche menschlicher
Kultur weckt nicht nur Erinuerungeu an andere Zeiten und Menschen, es
bezeugt auch den Wechsel wissenschaftlicher und künstlerischer Anschauungen
und gibt den Maßstab ab für das Bleibende an den früheren Tagesgrößen
und verwöhnten Lieblingen fürstlicher Gunst. Welche Wandlungen sind seit
den Anfängen Kopfs über das Antlitz der deutschen und italienischen Kunst
gegangen von den Ausläufern der Romantik und des Nazarenertums bis zum
äußersten Gegenpol des Impressionismus! Der durch Antike und Klassizis-
mus gemäßigte Realismus, dem er sich nach kurzer Hingabe an die ideale Rich-
tung der Düsseldorfer Schule der Vierrigerjahre in die Arme warf und treu
blieb bis zur Jahrhundertwende, bat Großes geschaffen, und viele Zeichen
sprechen dafür, daß nach der Umwertung aller Werte in der abstrakten, kubisti-
schen Kunst der Abkehr von der Natur dieser maßvolle Naturalismus wieder
Verständnis und Wertschätzung findet. Auch unser Meister war in dem
Reiche, das diese alte Richtuna beherrschte, ein Großer. Er hat den Besten
seiner Zeit, die auf der Menschheit Höhen wandelten, genug getan: Fürsten
an Geblüt und Fürsten an Geist, Kaisern und Königen, Prinzen und Prin-
zessinnen aus vieler Herren Länder, die ihm in Rom und Baden-Baden, in
seinen Winter- und Sommerateliers oder auf ihren Schlössern saßen, und was
heute noch mehr wiegt, Führern im Reich der Wissenschaften und Künste, der
Industrie und Finanzwelt. Wenn das Dichterwort auch künftig wahr ist, und
es wird wahr bleiben, dann hat Meister Joseph Kopf .,gelebt für alle Zeit".

Von höchstem psychologischen wie kunsthistorischen Interesse ist der Ent-
wicklungsgang des schwäbischen Bauernjungen zum Fürstenbildner, von
dem an der Jahrhundertwende Hans Barth rühmen konnte: ein Künstler,
der als Dreiundsiebzigjähriger noch modern, als Meister von heute ebenso ge-

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