Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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schlechte Lehrlingsausbildung bei Riedlinger und Biberacher Steinhauern,
harte Arbeit in Haus und Feld und Ziegelei zu R o t t u m a. d. Riß, die
Hartköpfigkeit des originellen, wenig seßhaften, Plato lesenden und im Wirts-
haus disputierenden Vaters Pelagius Kopf, alle Hindernisse einer unver-
standenen Jugend vermochten das in seinen Adern fließende Künstlerblut nicht
zu ersticken. Köstlich ist in den Memoiren Kopfs von den ersten Anzeichen des
plastischen Künstlertriebs zu lesen: Katzenpfoten, die eigene Faust und des
Schwesterchens Gesicht im Lehm abgedruckt, von den Lehr- und Wanderjahren
des Bauernburschen in den Heimatdörfern und Landstädtchen bis zum Schöp-
fungömorgen des Berufserlebnisses, der für den armen Lehrjungen nach Er-
krankung im Ravensburger Spital anbrechen sollte. Der Arzt erkannte in
den Alabasterschnitzereien des die Langeweile vertreibenden Steinhauers die
werdende Meisterhand und empfahl seinen Patienten zur langersehnten, wenn
auch noch sehr mangelhaften Ausbildung einem Grabsteinbildhauer. Der
Drang nach künstlerischer Fortbildung und Ergänzung der Lücken elementaren
und höheren Wissens führte Kopf bald nach W a l d s e e, wo er an Bildhauer
Zeller einen besseren Lehrmeister und an Maler Lang einen kunstbegeisterten
Freund und seinen ersten Porträtisten fand, dann nach München zu Sickin-
ger, nach Wiesbaden und schließlich nach Freiburg im Breisgau, wo Bild-
hauer Knittel und die Universität weitere, eifrig benützte Bildungsmöglich-
keiten boten (f. Abb. I).

Aber der höherftrebende Künstlergenius sah sich dort in handwerksmäßige
Fesseln geschlagen, das Schwärmen für R o m, die Sehnsucht nach dem gelob-
ten Land des Schönen in Natur und Kunst, die damals in den Kreisen der
Gelehrten und Künstler herrschte, steckte auch ihn an und wuchs durch die
Lektüre Goethes. Mit den ersten Ersparnissen der Werkstatt Knittels, mit
90 fl. im Tornister trat Joseph Kopf im Herbst 185 2 den Pilgergang nach
Italien „auf Schusters Rappen" an über Bregenz, Innsbruck und die
Brennerstraße, seinem Stern entgegen. Als einzige Gabe batte ihm die her-
zensgute Mutter, eine treffliche Bauersfrau mit feinen Gesichtszügen und
edler Herzensbildung, beim Abschied von der Heimat zu Ettenkirch bei
Friedrichshafen ihren Ehering mitgegeben. ,„Nach sieben Jahren komme ich
wieder, wenn ich ein tüchtiger Künstler geworden bin; wenn nicht, siehst du
mich nicht wieder." Diesem zum Äußersten entschlossenen Vorsatz ist der
Künstler wörtlich treu geblieben und hat nach sieben Jahren als gefeierter
Bildhauer ein glückliches Wiedersehen mit Eltern und Heimat feiern dürfen.

Indes, auch die Sonne am blauen Himmel Italiens hat ihre Schat-
ten. Nach Ablauf der freien Verpflegung im Pilgerhospiz zu Rom und dem
Zusammenschmelzen der Barschaft, deren Rest unangreifbar im Rock einge-
näht blieb, stellte sich der Hunger ein, und diesen konnte schließlich auch die un-
wandelbarste Begeisterung für die unsterblichen Schöpfungen antiker und
christlicher Kunst, eifrigstes Lesen in Bibel und LiviuS, Goethe und Winckel-
mann und das unermüdliche Zeichnen in Museen und Kirchen nicht vertreiben.
Vergeblich suchte der schwäbische Kunstpilger Bildhauerarbeit bei den deutschen
Meistern Achtermann, Wolf, Imhof, Steinhäuser, Kümmel u. a. Vergeb-

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