Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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Heimkehr vom Grab der einzig geliebten Mutter in Betzenweiler, OA. Ried-
lingen (1869). Brotneidintrigen eines Deutschen in Rom (Schaffer), der
durch Modellierung wertloser Büsten deö württembergifchen KönigSpaarS
dessen Unwillen erregte und sich durch Kopfs anerkannte Leistungen aus der
Hofgunst verdrängt sah, griff zum Mittel der Denunziation Kopfs bei der
Polizei wegen angeblicher Anstiftung zur Desertion päpstlicher Soldaten. Die
plötzliche Verhaftung des völlig ahnnngS- und schuldlosen Künstlers wurde
zwar durch Intervention einer württembergifchen Spezialgesandtschaft, dann
erst des preußischen Gesandten in Rom, schließlich durch persönliche Verwen-
dung der Königin Olga an der Kurie aufgehoben, aber die Schikanen des
daraus endlich folgenden, lang hinausgezogenen Prozesses störten Ruhe und
Frieden in Atelier und Haus. Dieses wie einst, so heute wieder nicht seltene
Beispiel von Kabinettsjustiz, ein für geordnete deutsche Rechtsverhältnisse un-
begreifliches, nur in Umsturzzeiten mögliches Erlebnis, bildet zweifellos die
Hauptursache der Geisteswandlnng des tief religiös veranlagten Künstlers
und bietet uns den Schlüssel zu dem erbitterten, später gemilderten Skepti-
zismus und Sarkasmus gegen Kirche und Kurie, dessen häufige Äußerung
der befreundete Zeitgenosse und Ohrenzcnge Sigmund Münz in Kopfs Le-
benserinnerungen vermissen zu müssen glaubt: „Erft in Rom, wo der Glaube
als Weltinduftrie gedeiht, sollte sich Meister Kopf die Frömmigkeit ab-
gewöhnen. Daß sein Glaube Schiffbruch gelitten, läßt er aber in seinen
Lebenserinnerungen nicht merken". Die dort kundgegebene, etwas glau-
bensselige Stimmung will der Verfasser der römischen Reminiszenzen und
Profile auf das Lebensgesetz zurückführen, das jenes französische Sprich-
wort also ausdrückt: 0n revient toujoum ä 868 premiers amours, oder
auf die Nachwirkung modernen französischen Beispiels von Männern wie
Brunetiere und ihrer Abkehr von der dort beliebten Frivolität, vom
Wissen zum Glauben. Wie dem auch sei, jedenfalls gehört Joseph Kopf
zu der nicht geringen Zahl von Rompilgern, die an den vom offiziellen Kir-
chenregiment verschuldeten oder auch nicht verschuldeten Widersprüchen zwi-
schen Lehre und Leben Anstoß nahmen und die arglosen Augen vor dem uner-
baulichen „Menschlichen, allzu Menschlichen" im Mittelpunkt der Weltkirche
nicht verschlossen trotz oder wegen der ähnlichen Erlebnisse und Ermahnungen
eines hl. BonifatiuS oder Canisiüs, des letzten deutschen Papstes Hadrian Vl.
oder des noch orthodoxeren Luther. Er ist leider nicht der erste und nicht der
letzte unter den glücklicherweise nicht zahlreichen Deutschrömern, an denen sich
daS frivole italienische Sprichwort schmerzlich bewahrheiten sollte: Koma

vockuta, ?6c>6 percluta!

Wie deö Besuchs des jovialen Domkapitulars Dannecker im Jahre 185 6
gedenkt Kopf in seinen Lebenserinnerungen des Verkehrs mit seinem Heimat-
bischof, der wegen des vatikanischen Konzils im Jahre 187O in Rom weilte.
Den bischöflichen Besuch in seinem Atelier erwiderte der Künstler und suchte
den „wahrhaft frommen Bischof" in seiner Wohnung auf, die ihm im Quar-
tier der Schweizer im Quirinal angewiesen war. Mit Tränen in den Augen
habe ihm H e f el e sein Leid geklagt: „Das Konzil läßt mich nicht mehr schlafen.

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