Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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linis Borghesebüste den Vertreter der antiken Epigraphik mit seiner Anhäng-
lichkeit an ein engbegrenzteS Forschungsgebiet. Die Kunsthistoriker Wilhelm
Lübke, Karl Schn aase und Anton Springer, der Philologe Ernst
C u r t i u ö, die Kirchenhistoriker F. T. Kraus in Freiburg und Karl Joseph
von Hefele in Tübingen, Bischof von Rottenburg, der Nordländer
Bsörnson (1895) der Franzose Pauvert de la Chapelle (1889), die
Freundin Richard Wagners Malwine von Meyßenburg, Klara Schu-
mann, der Naturforscher, Künstler und Prediger monistischer Weltanschau-
ung Ernst Häckel (1894) von Jena, der Ägyptologe und Romancier Georg
Eberö, der unserem Joseph Kopf einen seiner vielen Romane widmete:
wie verschieden nach körperlicher Natur und geistiger Bedeutung, und doch
einander verwandt sind diese in ihrer vom Künstler erreichten Konzentration
auf ihre besondere Geisteswelt, alle nahe dem Gipfel der Porträtkunst der Re-
naissance!

Den Höhepunkt der Kunst der Charakteristik durch den Meißel bezeichnet
nach allgemeiner Auffassung die Büste Döllingers in der Bibliothek des
Irhrn. Cramer-Klett in München (Abb. 6). Im akademischen Talar in Halb-
figur, die Arme gekreuzt, sitzt der greise Gelehrte, ein Jahr vor seinem Tode
ausgenommen. WaS hat der Künstler alles in dieses alte, durchfurchte Antlitz
des Stifters oder Führers der Altkatholiken geschrieben? Der Forscher, der
Staatsmann, der Priester, der Weltmann, die ganze Summe, Gesinnung und
Betätigung dieses universalen Streiters für und dann gegen seine Kirchen-
gemeinschaft spricht ans diesem Kopf Döllingers ans Kopfs Meisterhand.
„Der Weltweise vereint sich da mit dem Weltklugen, der auf daS Ewige ge-
richtete Denker mit dem auf die zeitlichen Erscheinungen bedachten Diplo-
maten und Opportunisten. Man möchte an der Büste die marmorne Formel
für die Lebensentwicklung des zum Beobachter und Weltverächter emanzipier-
ten Weltmanns finden", urteilt Sigmund Münz. Daß noch im letzten Lebens-
jahre Kopfs diese Meisterschaft in der Wiedergabe der körperlichen wie der
geistigen Individualität nicht sichtlich gemindert war, zeigen die Büsten des
Schriftstellers Richard Voß in der Villa Falconieri in Rom und des I92D
gestorbenen Afrikaforschers Georg Schweinfurt (1902). Einen versöh-
nenden Abschluß des tragischen Konflikts vom Jahre 1869/70 mag das treff-
liche Papstrelief Leo XIII. nach persönlicher Aufnahme (Abb. 5) darstellen
(1898). An Denkmalskonkurrenzen hat sich Kopf nur einmal beteiligt. Für
seinen Entwurf zum Uh landdenk m al (1867) erhielt der schwäb. Künstler
wohl den ersten Preis, aber nicht die Ausführung, diese scheiterte an dem Macht-
wort der energischen Gattin des Dichters: „Wir wollen nicht bloß einen Kopf,
sondern den ganzen Mann". So steht denn heute die hohe Dichtergestalt im
langen Schwabenrock aus dem hohen Postament des Tübinger Denkmals
statt des ausdrucksvollen Dichterkopfs von Meister Kopfs Hand, dessen
Kolossalbüste nach dem Modell von den Genien des Volkslieds, der Geschichte
und Poesie umgeben war. Ein Kind der Uhlandschen Muse, Goldschmieds
Tochterlein, hat vielleicht außer Silchers Kompositionen kaum eine ent-
zückendere Verkörperung gefunden als in der Kopfschen Marmorfignr, zu der,

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