Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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Zwei Dombauöebatten im württembergischen Landtag
des Jahres jSZd.

Vo» A. Pfeffer, Rottenburg.

I.

In der 73. Sitzung vom 21. Juni 1839 stellte Bischof Johann Baptist
v. Keller int württembergischen Landtag den Antrag, eine Snmme von
80 — 1 OOOO0 Gulden auSzuwerfen zur Erstellung eines für
die Diözese würdigen DomeS:

„Nur mit Schüchternheit erhebe ich mich, um einen Antrag zur Sprache
zu bringen, den ich schon lange tief in meinen: Herzen trage. Der Antrag geht
nämlich auf Erbauung einer neuen Domkirche. Ich trage großes Bedenken,
diesen Antrag zu stellen, nachdem ich Zeuge gewesen bin, welch große Sunuuen
schon für andere Gegenstände bewilligt worden sind, und da es stets mein
innigstes Bestreben ist, den Steuerpflichtigen keine unnötigen Steuern auf-.
zuerlegen, und da ich ferner sehe, wie sehr unsere, wenngleich sehr günstigen
Finanzen in Anspruch genommen werden ... Aber mein Gefühl für dasjenige,
was groß, ehrwürdig und schön ist, nötigt mich, eine» Antrag zu stellen, der aus
dem Bedürfnis der kirchlichen Institutionen hervorgeht ... Zu diesen Insti-
tutionen gehört auch die Fürsorge, daß auf würdige Weise der Kultus gepflegt
werden könne, und den Schlußstein davon bildet eine Kathedralkirche. Nicht
aus eitler Prunk- und Prachtliebe bin ich also dazu gebracht, irgendeinen
Antrag dieser Art zu stellen, sondern ich will ein Bedürfnis befriedigen, das
aus den kirchlichen Institutionen hervorgeht."

Man sieht, wie sehr die Rede auf Bitte :>nd Entschuldigung abgestellt ist;
jedenfalls hatte Bischof Keller die Hoffnung aufgegeben, auf anderem Wege
als demjenigen der direkten Antragstellung auf Bau einer Kathedralkirche
etwas zu erreichen. Die Motivierung aus örtlich e n Gründen heraus, die
der Bischof nun folgen läßt, berührt uns hier weiter nicht. Wohl aber die
Kosten- und Stilfrage. Den gotischen Stil, zumal i» den Ausmaßen der
gotischen Münster, lehnte der Bischof ab, weil man sonst 50 Jahre lang bauen
und Millionen aufwenden müffe.

Dagegen hatte Bischof Keller den „byzantinischen" (roma Ni-
schen) Stil im Auge, weil dieser das Einfache mit dem Großen verbinde:

„Es hat sich ein Künstler aus Baden gegen mich erboten, für die ganz
geringe Summe von 90— 100 000 Gulden einen Bau im byzantinischen
Stile aufzuführen ... Jener Künstler, bekannt durch mehrere Bauten an:
Rhein und die Erbauung einer schönen Kirche zu Bulach bei Karlsruhe, be-
rechtigt mich zum Glauben, daß er auch für eine Domkirche zu Rottenburg
etwas Großes zu leisten vermag. Zwei Türme, jeder von 200 Schuh Höhe,
und eine dabei befindliche Kirche init einer Breite von 63 Fuß sind kein kleines
Monument, und ich darf von den: edlen Sinn dieser Kanuucr erwarten, daß
sie einen Antrag, der sich auf das Bedürfnis der Religion ui:d die kirchlichen

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