Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

Seite: 62
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Ausstellung waren in die nächste Nähe der Jubiläumsfeiern gerückt, die dem 150jährigen
Bestehen der städt. Gewerbeschule und ihrer jungen Tochter, der staatlichen Fachschule für
Edelmetallgewerbc, sowie der Gründung des Kunstgewerbemuseums vor 50 Jahren durch
die Fabrikanten Hermann Bauer und Julius Erhard gewidmet waren und Ende Juli einen
der Tradition der Gmünder Feststadt würdigen Verlauf nahmen. Etwas von dem Glanz der
großgedachten Ausstellung, welche die neuen Erzeugniffe der Gmünder Kunst- und Gewerbe-
schulen und der von ihnen erfolgreich befrüchteten Gmünder Gold- und Silberindustrie
und dazu die Schätze alten Gmünder Gcwerbefleißeö umfaßte, wäre auf die Schau speziell
kirchlicher Kunstschöpfungen neuesten Gmünder Ursprungs gefallen, und die wohl zum crsten-
mal für solche Zwecke vorgeschlagene Verwendung deö Renaissancebaus der alten Schmalz-
grube, der jetzigen Handelsschule, hätte einen nicht unpassenden Rahmen für diese Spczial-
ausstellung abgegeben.

An der Tagung, ihrem Zustandekommen und ihrer Verlegung darf der Stadtvorstand,
Herr Oberbürgermeister L ü l l i g, einen Hauptanteil des Verdienstes sich zuschreiben, in
das sich sonst Vorstand und Ausschuß des Vereins teilen. Er war es, der schon im vorigen
Jahr im Hinblick auf die teils geplanten, teils nunmehr verwirklichten Veranstaltungen dem
Diözesankunstvercin Gmünd als Tagungsort für seine seit Jahren ausgefallene General-
versammlung vorschlug. Der für Hebung des Fremdenverkehrs eifrig besorgte Vertreter der
Interessen der Hauptindustrie, der Unternehmer wie der Arbeiterschaft, hoffte wohl von einer
neuen Ausstellung der Gmünder Künstler und Firmen neue Hilfsquellen dem notleidenden
Edelmetallgewerbe zu erschließen und bei dem Eingehen der verschiedenen, zum Teil alt-
renommierten Werkstätten kirchlicher Kunst im Land draußen (Stuttgart, Rottweil, Biber-
ach u. a.) die Augen der Besteller vor allem aus geistlichen Kreisen auf Gmünd zu lenken.
Hier hat ja das Goldschmiedhandwerk seit Jahrhunderten eine mehr oder weniger blühende
Heimstätte gefunden, wie aus Professor Kleins Geschichte der Gmünder Goldschmiedekunst
zu ersehen ist; hier haben sich neben den zahlreichen größeren und kleineren, meist der
Schmuckindustrie dienstbaren Fabriken in neuerer Zeit mehrere selbständige Meisterwerk-
stätten aufgetan, die sich vorwiegend auf Herstellung kirchlicher Geräte verlegen, so G e i g e r,
H o l b e i n, M ö h l e r. Auch haben neuerdings zwei Bijouteriefabriken, Forst e r u. L i p r.
die Fertigung kirchlicher Geräte in Angriff genommen. Nur Devotionalien fabriziert
S ch u m p p. Allen in beiderlei Betrieben beschäftigten Gold- und Silberschmieden vermitteln
trefflich geleitete und aufgebaute Schul e n, die städt. Gewerbeschule (gegr. 1776) mit ihrem
pflichlmäßigcn, streng lehrganghaften Unterricht für Gold- und Silberschmiede, die staat-
liche höhere Fachschule (errichtet 1907) mit ihren ganztägigen und Abendkursen für Fort-
geschrittene und Meisterklaffen beachtenswerte Fertigkeiten in allen Techniken und Neben-
zweigeu der Gmünder Edelmetallindustric: Zeichnen, Modellieren, Formen, Gießen, Gra-
nulieren, Ziselieren, Tauschiere», Male», Schnitzen, Schlagen, Hämmern, Montieren u. a.,
kurzum die Bearbeitung der Hauptstoffe, die arich für das kirchliche Kunstgewerbe in Frage
kommen: Gold, Silber, Edelsteine und deren halb- oder unedles Ersatzmaterial, Holz, Ton,
Email wird hier von wissenschaftlich und praktisch erprobten Lehrkräfte», Künstlern und
Handwerkern, Akademikern und Meister» in einer Weise gelehrt, die seitens der Vorgesetz-
ten Behörden und besonders der aus allen Teilen Deutschlands zu den Jubiläumsfesten
erschienenen Fachleute fast uneingeschränkte Anerkennung gefunden hat. Die mit staatlichen
und städtischen Mitteln herausgegebenen Jubiläumsschriften der Schulvorstände geben in
Wort und Bild über die geschichtliche Entwicklung und den gegenwärtigen Unterrichtsstand
beider Schulen zugleich mit dem Kunstgewerbemuseumsbericht erwünschte Aufschlüsse.

An technisch wie ästhetisch geschulten Kräften hat also die alte Kunststadt Gmünd sicher-
lich keine» Mangel; aus Fabrikbetrieben, besonders früher Erhard u. Söhne, und aus den
Schulen sind nicht wenige Künstler hervorgegangen, die nach auswärts, Inland und Aus-
land berufen, den Ruf solider theoretischer und praktischer Ausbildung aus Gmünder Werk-
stätten in die weite Welt getragen haben. Und trotzdem müssen wir die Wiederholung
eines ähnlichen Vorgangs feststellcn, der dem Kenner der heimatlichen Kirchenschätze nicht
unbekannt ist, indes von der halb legendenhaften Tradition aus fast unverständlich erscheint.
All die vielen Groß- unb Kleinkunstgegcnstäude in Edelmetall, die in und um Gmünd,

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