Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

Seite: 65
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III.

Den R u >i d g a n g durch die Ausstellung von Kirchenkunst, die in der Aula der Fach-
schule und in zwei Räumen des Kunstgewerbemuseums vom ly. bis 27. September geöffnet
und an zwei Sonntagen und zwei Montagen der Münsterfestwoche unentgeltlich allgemein
zugänglich war, sollen einige Bemerkungen allgemeiner und spezieller Art beschließen. Bei
dem Vielumstrittenen Charakter der Gegenwartskunst auch auf kirchlichem Gebiet, wie bei
der Vielseitigkeit der ausgestellten Kunstzweige bat sich wohl wenigen ein einheitliches, ab-
schließendes Urteil ermöglichen laffen, zumal den meist einheimischen Besuchern der Mangel
persönlicher, räumlicher und zeitlicher Distanz die Bildung eines unabhängigen objektiven
Urteils erschwert haben mag. Im Wandel der Zeiten hat ja der künstlerische Ausdruck der
unwandelbaren christlichen Ideewelt stets gewechselt, aber in Zeiten, wo sich solcher Wechsel
der jeweiligen künstlerischen Gestalt auf dem Boden des kirchlichen Bekenntnisses, teilweise
auch außerhalb desselben vollzieht, und diese noch nicht ihre endgültige Ausdrucksform
gefunden hat, pflegen sich die Kreise der Schaffenden wie der Sehenden in Anhänger der
Tradition und der Neuheit zu scheiden. Hätte die kaum geahnte und geschätzte Fülle der
Vorbereitungsarbeiten einer solchen Ausstellung keinen anderen Erfolg in unseren Tagen
seelischer und geschäftlicher Depression, cs wäre schon der Mühe Lohn genug, wenn sie rum
Denken, Besinnen über all die gärenden Probleme weltanschaulicher und künstlerischer Art,
und sei's auch nur zum Widerspruch, manche verbockten Geister veranlaßte! Freilich täte da
ein Führer durch die auf allen Gebiete» des Geistes wie der Form herrschende Verworrenbeit
und Zerfahrenheit doppelt not, doppelt, wenn der boSbakte Satiriker recht haben sollte,
von dem ich folgenden Aphorismus einmal gelesen habe: „Viele gehen in Kunstausstellungen
nur, um an der Kunst Ausstellungen zu machen" (Traumann).

Die Beschränkung auf Aussteller, die in G m ü n d ihren Geburtsort oder
Wohnsitz haben, sollte zeigen und zugleich beweisen, wie weit die Remsstadt ein boden-
ständiges künstlerisches Leben und Schaffen auch auf dem Gebiet religiöser Kunst besitzt.
Schon vom hoben Mittelalter her lebt in der Hohenstaufenstadt eine künstlerische Tradition,
die selbst in Zeiten wirtschaftlichen u>'d kulturellen Niedergangs nie ganz verloren gina. Die
in der jahrhundertealten Hauvstndustrie geübten handwerklichen und künstlerischen Kräfte
haben auch diesem Zweig künstle-sscher Betätigung „eue Säfte »»geführt. und immer wieder
tauchen in der alten Kunststadt Talente aus, die. über das Werkstattmittelmaß hinausragend,
eigene Wege geben und daheim oder draußen sich Geltung verschaffen. Die IabreS-
auöstellungen Gmünder Künstler haben feit Jahren ZenaniS von der Eristenz solch be-
achtenswerten Kunstlebens inmitten einer Kleinstadt abgelegt, wenn auch vielfach Ungleiches
und Unausgeglichenes, besonders >n der „Iunakunst" unserer Tage mit unterlief. Wie in
dem örtlichen Hauptgewerbe der Silber- und Goldwarenerzeugung wollten wir neben den
schöpferisch-künstlerischen Qualitäten das handwerksmäßig Gute, neben der soliden Hand-
arbeit das Fabrikationsmäßige nicht ganz ausschalte». Auch das Rinaende und Reifende in
Schülerarbeiten, die aus dem heutigen Mittelpunkt kunstgewerblicher Bildungsbcstrcbungen,
der staatlichen Fachschule für Edelmetallinduürie, hervorgingen, sollte sckwn wegen der
Gediegenheit technischer Arbeitsformen zum Worte kommen und so das Gesamtbild klein-
städtischen KunstlebenS und KunststrebcnS vervollständigen. Eine Ausschließung n i ch t-
katholischer Künstler und Firmen war weder beabsichtigt noch durchgeführt.

Gegenüber den anderen bisherigen Ausstellung»!», die immerhin die Eristenzbcrechtigung
einer „Gmünder Kunst" erwiesen hoben, kommt für diese vielleicht erstmalige, also streng
lokal abgegrenzte kirchliche Kunstausstellung in Gmünd als weitere Schranke ihr sachlicher
Charakter. Für religiöse Kunst, näberhin für katholische Kirchenkunst, kann nie der neuer-
dings, besonders ntit der imvresssonistischen französischen Malerei ausgekomineue Grundsatz
gelten: l’art pour l’art. die Kunst nur für die Kunst, und hat auch in ihrem Gebiet nie
Geltung gewonnen. Der Vorwurf, der vielfach der neuesten Kunstentwicklung gemacht wird,
auch außerhalb kirchlicher Kreise, als hätte» die letzten Jahrzehnte vorwiegend eine Kunst
für Künstler hervorgebracht, kan» bis auf einzelne Erzcffe erpressionistischer Gipfelübcr-
schreitung der kirchlichen Kunst der Gegenwart kaum gemacht werden. Dafür ist aber auch

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