Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

Seite: 67
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zur Nachachtung empfohlen sein. Für Einzelkrilik ist in dieser Rückschau keine Zeit und kein
Platz. Ein Kritiker in den Gmünder Zeitungen lobte das stark zum Ausdruck kommende
Bemühen, dem unserer Zeit eigenen Kunstwollen auch in der kirchlichen Kunst zum Sieg zu
verhelfen; die andere, weniger eigenwillige, den religiösen Bedürfnisten breiter Schichten
mehr entgegenkcmmende Richtung bringe Erfreuliches, oft mehr technisch als künstlerisch
Vollendetes, streife mehrfach am Unfreien, völlig Unkiinstlerischen. Mag auch der Stand-
punkt, von dem aus die Einstellung zu einer der beide» Gruppen erfolgt, von verschiedenen
Erwägungen bestimmt sein und über der formalen Betrachtung der inhaltlichen Bedeutung
nicht ganz gerecht werden, jedenfalls empfehlen wir sie wohlwollender Beachtung.

So wahr es ist, daß nicht immer das Neueste in der Kunst das Beste ist — Dr. Erhard
(Gmünd) hat einmal in einem Vortrag sich gegen diese» Aberglaube» wenden zu müsten
geglaubt —, ebenso wahr ist es auch: Nicht alles Alte ist gut. Näherhin im Blick auf die
christliche Gegenwartskunst gesagt: Nicht deshalb, weil sich eine Arbeit an alte Vorbilder
anschließt, ist sie gut. So wenig wie all das Nichtneumodischc schlecht ist, so wenig ist jede
Schöpfung der neuen versuchten Formsprache gut künstlerisch. Um so erfreulicher i» diesem
Hangen und Schweben zwischen Altem und Neuem war die Beobachtung, daß einzelne
Werke unabhängig von diesem Parteistandpuukt wohl fast ungeteilte Anerkennung finden
konnten. So konnte Alfons N ä g e l e s Porträt des verewigten Bischofs Paul Wilhelm
von Keppler, das mit Trauerschleier und Pflanzendekoration die Mitte der Wand eines
Museumsraums einnahm, reine Befriedigung gewähren als treueste Wiedergabe der unver-
geßlichen Züge des gealterten Oberbirten (eines ist von Freiherrn von Cramer-Klett, ein
anderes von der Stadtverwaltung Rottenburg angekauft). Karl D e i b c l e s „Christus, der
gute Hirte" vereint in seiner Bevorzugung ruhiger Monumentalität in Linien und Flächen
das gute Alte mit dem kräftigen Neuen. Wenn an Alois S ch e n k s Gemälden und
Skizzen bald die herbe Realistik in den Köpfen der Zuschauer am Kreuzigungsdrama, bald
die weichere Stilisierung und Gruppierung der Madonnenverherrlichung für die neue
Baienfurter Kirche da und dort Anstoß erregte, so müffen doch die einen die mit Kraft
gepaarten, zarteren Töne einzelner ganz hervorragender Studienköpfe, die anderen die solch
krasiestem Naturalismus ausweichende Ehrfurcht vor dem Bild der Gottesmutter ent-
schädigen. Unbeirrt von Stilwandel und Formschöpfung kann mau die solide Technik fast
aller Goldschmiedearbeiten bewundern und sich am Ringen und Reifen der Jungen und
Alten, der Schüler und Meister erfreuen.

V.

Doch es ist höchste Zeit, dem weniger in die Augen fallenden, sonstigen stillen Wirken
des Diözefankunstvereins noch ein Wort zu widmen. Die nur von je zwei auswärtigen
Geistlichen- und Laienmitgliedern vertretene Ausschusisitzung am Montag, 20. September,
im Vereinshaus unter dem Vorsitz des hochw. Herrn Universitätsprofeffors Di'. Rohr und
in Anwesenheit des hochw. Herrn Domdekans Dr. Kottmann konnte bei der Kürze der
Zeit vor der auf 3 Uhr angesagten öffentlichen Generalversammlung weder die leider unab-
wendbare Vorstandswahl noch die Archivredaktionsfrage zur definitiven Entscheidung
bringen. Unter den derzeitigen Verhältnissen persönlicher und amtlicher Art konnte und
wollte keines der anderen Mitglieder das Erbe antretcn, das beide bisherigen Steüen-
inhaber, Professor Di'. Rohr und Stadtpfarrer Weser, nach erfolgreichem Wirken in
schwerer Zeit hinterlaffen. An Stelle des verstorbenen Divisionspfarrers Effinger wurde
Pfarrer Spohn in Dietenheim in den Ausschuß gewählt. Lange sollte die Doppelfrage keine
Lösung finden. Nach anfänglicher, wohlbegründetcr Ablehnung des Angebots bat sich schließ-
lich der Berichterstatter unter Beiseitestellung verschiedener Bedenke» zur vorläufigen
Weiterführung der Schriftleitung bereit erklärt. Noch länger verzögerte sich die Entschei-
dung der Vorstandssrage, bis die bedingte Zusage des würdigsten Anwärters definitiv
lautete. Die Hauptlast der nicht überall in der Diözese bekannten Arbeit für Begutachtung
und Beaufsichtigung von Kirchenrestaurationen und Neuanschaffungen i» kirchlicher Kunst
hat i» uneigennütziger, opferwilligster und sachkundigster Weise Herr Pfarrer Pfeffer in

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