Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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verläuft geradlinig. Die Verbindung der einen Geraden zur andern ist jedoch
eine elegante Kurve. Der Turm hebt rechteckig an, geht dann aber ins Achteck
über und klingt aus in einem feingekuppelten Helm. Betritt man das Innere
oder betrachtet man auf dem Grundriß die Außenmauer und die Innenpfeiler
nebeneinander, so ist man überrascht über die erhabene Ruhe: außen das
Nebeneinander des rechten Winkels und der Kurve, innen ein Sichzusammen-
fchließen der Pfeiler zu einem feingerundeten Oval. Ebenso ist das Chorinnere
ein dem Schiff quer vorgelegtes Oval. In der Ruhe aber doch wieder reiche
Bewegung: der Zwischenwand zwischen zwei Fenstern je ein Pilaster vorge-
lagert und in leichtem Bogen hinübergreifend zu dem zugehörigen Mittelschiff-
pfeiler, dieser in ähnlicher Weise mit seinem Nachbar zur Rechten und zur
Linken verbunden und durch ein herrliches Gewölbe mit seinen Antipoden auf
der anderen Schiffseite sich berührend. Auf jedem der Schiffpfeiler thront
ein Apostel, die beiden Apoftelfürsten aber stehen zur Linken und Rechten
des Hochaltars, von je zwei wuchtigen Säulen flankiert. Die Fenster
nicht in breiter Fläche vom Scheitel bis zum Sockel die Außenwände durch-
schneidend und ihren Zusammenhalt gefährdend, sondern je in ein Ober- und
Unterfenster geteilt. Der Farben entbehren sie erfreulicherweise. Denn sie
sollen nur die reichen Farben und Formen des Innern ins richtige Licht rücken,
aber ihnen keine Konkurrenz machen. Sonst wäre eö des Guten zuviel: der
Fußboden aus gebrannten Tonplatten in sanftem und warmem, aber nicht
aufdringlichem Rot, das feine Braun deS geschnitzten Gestühls, der Altäre,
Beichtstühle und Kanzel darüber, die Zierglieder an Pfeilern und Gewölbe-
zwickeln durch wohlabgestimmte Farben betont und durch Engel, Putten,
Vasen, Girlanden, Ranken und Blendgalerien belebt — das alles braucht
nur genügend Licht, um zur Geltung zu kommen. Farben auch noch in den Fen-
stern würde dem Gesamteindruck schweren Eintrag tun. Insbesondere wäre
Gefahr, daß eine Minderung des Lichtes von außen die herrlichen Gewölbe-
freSken Johann Zimmermanns verdunkeln würde, und sie sind nun doch der
schönste Schmuck der ganzen Kirche und eine grandiose Verherrlichung der
Mutter Gottes, der sämtliche Fresken des Schiffs gewidmet sind. In kleine-
ren Darstellungen werden die Einzelszenen ihres Erdenlebens geschildert,
unter der Orgelbühne speziell ihr Tod, am Gewölbe aber ihre Verherrlichung:
die Himmelfahrt, der Willkomm im Himmel, die Huldigung der Heiligen,
darunter die Verehrung Mariens durch die vier großen Weltteile, jeder reprä-
sentiert durch eine Frauengestalt mit entsprechendem Schmuck und Gefolge -
herrliche Figuren nach Form und Farbe. Besonders imponiert die Vertreterin
Europas, eine wahrhaft königliche Erscheinung. Auch wer nicht weiß, daß eö
eine freie Darstellung der Kaiserin Maria Theresia ist, muß in ihr die Be-
herrscherin der Völker erkennen. Aber trotz der Betonung der Herrschermacht
in der Hauptfigur kommt daneben die Gestalt der Kirche in ihrer Milde,
Demut und Bescheidenheit dennoch zu ihrem Rechte. Ein ähnliches Neben-
einander von Mächtigem und Zartem, Selbstbewußtem und Bescheidenem
zeigen die übrigen Gruppen. Und das Paradies mit seinem lichten Himmel,
seinen herrlichen Bäumen, Sträuchern und Blumen, Bächlein und Brunnen,

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