Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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zusammenzustimmen. Über dem Tabernakel die gotische Pieta, sich abhebend
von Kuens Kalvarienbild, flankiert von den majestätischen Figuren der Fürft-
apostel zwischen je zwei Säulen. Also Gotik und Rokoko, Architektur, Plastik
und Malerei haben ihre Beiträge gegeben. Aber sind auch Technik und For-
inen verschieden, so sind sie doch verbunden durch die Wucht der Gedanken: im
Tabernakel derjenige, von dem der Apostel sagte: „So oft ihr dieses Brot effet
oder den Kelch trinket, sollt ihr den Tod des Herrn verkündigen, bis er kommt"
(I. Kor. I I, 26), über dem Tabernakel sein entseelter Leichnam auf dem
Schoße seiner trauernden Mutter, zu ihrer Rechten Petrus, der dem Meister
im Kreuzestode nachfolgte, zur Linken Paulus, der bei seiner Predigt nichts
wissen zu sollen glaubte, als Iesum Christum und diesen als den Gekreuzigten
(I. Kor. 7, 2), zwischen den beiden auf dem Altarblatt das leer in die Luft
starrende Kreuz, von dem der Leichnam soeben abgenommen worden war, und
die wenigen, die dem Herrn die Treue gehalten bis in den Tod und darüber
hinaus: das stimmt alles trefflich zusammen. Und wirken in der Plastik die
Formen, so reden in der Malerei die Farben. Man achte einmal darauf, wie
fein die verschiedenen Farben zusammengestellt, wie harmonisch die verschie-
denen Werte ein und derselben Farbe gegeneinander abgetönt sind und wie sie
miteinander wetteifern, die Gedanken und Stimmungen auszudrücken, die die
hl. Geheimnisse wecken sollen. — Die Seitenaltarblätter, namentlich das
duftig gemalte Rosenkrauzbild deö eine», schließen sich würdig an.

Leider ist der alte Paramentenschatz dem Zahn der Zeit zum Opfer ge-
fallen, aber er hat doch einen würdigen modernen Ersatz gefunden. Dagegen
künden noch einige Glanzstücke der Kleinkunst von der guten alten Zeit: ein
Kreuzpartikel, ein Kelch und namentlich eine Monstranz vom Jahre 1513
in graziösem, um einen Zylinder sich konzentrierendem Aufbau, zu beiden Sei-
ten des Zylinders feine, vergoldete Heiligenfigürchen, die sich vom Silberton
der Monstranz trefflich abheben.

Wogen durch die Räume deö Gotteshauses noch, wie am letzten Osterfeste,
die Klänge deö Alleluja von Händel, des llmitte 8piritum tuum von Schütky,
des ?un^6 linZuu von Bruckner und der Messe von Haydn, so ist das ein Zu-
fammenftimmen von Formen, Farben und Klängen, wie man es wohl in
wenigen Landkirchen finden dürfte.

Zwei Wünsche sind eö, die sich uns in Steinhaufen immer wieder auf-
drängten: Möchte dies Juwel christlicher Kunst die wohlverdiente Beachtung
finden, namentlich bei der studierenden Jugend! Eine Wanderung nach Buchau,
Steinhaufen und Schuffenried bietet ein interessantes Nebeneinander zeitlich
sich nahe berührender Stilnuancen. Und möchte die Kirche mit ihrer bis auf
den unscheinbarsten Holzleuchter hinaus stilechten Einrichtung den Künstlern
und Kunsthandwerkern reiche Anregung bieten — nicht zum sklavischen Ko-
pieren, sondern zu persönlichem Schaffen und Gestalten im Sinn und Geiste
ihrer Zeit. Wie fremd nehmen sich oft moderne Zutaten in Barock- und Ro-
kokokirchen aus! Hier ist Raum und Inhalt, Bau und Schmuck aus einenl
Guß, und ein ganzes Marienleben strahlt von Decke und Zwickeln nieder:
mögen sie Schule machen!

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