Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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facsimile
(Ein alter Tübinger Miläumspokal aus einer
N(mer WWmiebsmerkflall Des )7. Jahrhunderts.

Von Anto» N ä g c l c.

Aus dem Privatbesitz einer dem oberschwäbischen Adel angehörigen F r a n k-
furter Familie hat vor kurzem das Landesgewerbemuseum iu Stuttgart
einen silbernen Pokal erworben, dessen Herkunft, Bestimmung und künst-
lerische Ausführung in gleichem Maße unser Interesse beanspruchen darf,
doppelt im Iubiläumssahr der Heimatuniversität. Um zuerst die Neugierde
der akademischen wie nichtakademischen Freunde der Landeshochschule zu be-
friedigen, sei als erstes Geheimnis verraten, daß das Kleinod schwäbischer
alter Goldschmiedekunst zum zweiten Iahrhundertjubiläum der Universität
Tübing en im Jahre 1611 gewidmet wurde, und zwar von der freien Reichs-
stadt Eßlingen. Die drei Inschriften auf den drei mittels einer Dreieck-
platte vereinigten Bechern zeigen die feierliche W i d m u n g an.

Wir kennen aus jüngsten Veröffentlichungen des früheren Universitätö-
sekretärs Rienhardt und Professors Roth die traurige Geschichte des alten
wie des neueren Universitätsschatzes, der zuletzt den Brandschatzungen
der Napoleonischen Zeit zum Opfer fiel. Um so erfreulicher wirkte die Kunde
von einem seltenen Stück, das sicher einst zur Tübinger Universitätsschatzkam-
mer gehört hat, auf den einstigen Tübinger Studenten ein, und ich glaubte
noch am Vorabend des Hochschuljubiläums mich beeilen zu müssen, weiteren
Kreisen von der wie eS scheint bislang einzigen Spur eines solchen Kleinods
Mitteilung zu machen. Die in früherer Publikation ausgedrückte Hoffnung
auf Wiedergewinnung des Schatzes durch einen Mäzen mit oder ohne Namen
ist glücklicherweise in Erfüllung gegangen *). Daß nicht nur diese geschichtlich
bedeutsame Dedikation das aufgespürte Juwel barocker Goldschmiedekunst der
Beachtung oder Erwerbung wert macht, soll seine kurze Beschreibung
dartun. Der merkwürdig geformte, dreiteilige Becher mißt in der Höhe 35,5
Zentimeter. Ganz aus Silber gearbeitet, mit teilweiser Vergoldung, setzt sich
der Pokal aus Fuß, Schaft und Becher mit Aufsatz zusammen, alle Haupt-
teile aber sind ganz eigenartig, um nicht zu sagen eigenwillig, ausgearbeitet.
Der ziemlich hohe Fuß ist zweistufig und kreisrund; teilvergoldete KriegS-
embleme sehen wir darauf in köstlicher Treibarbeit. Der obere Abschluß ist als
Erdboden gestaltet, daraus erhebt sich eine teilvergoldete, beflügelte weibliche
Figur. Als Allegorie offenbar gedacht, dient sie als Schaft. Kunstvoll balan-
cierend auf dem metallenen Erdgrund, weist die Frauengestalt mit der linken
Hand nach unten, mit der rechten nach oben. Auf ihrem Haupt baut sich eine
Art Kelchkapitell auf, das die große Platte mit den Bechern trägt. Auf der mit
liegeudeu Kanonen verzierten Dreieckplatte sind drei im Vierpaß sich öffnende

*) Wie ich nachträglich in Erfahrnng brachte, ist der Becher für das Landesgewerbemufeum vor wenigen
Jahren erworben worden, was auch nach der eben erschienene» Jubiläumsfestschrift der Tübinger Chronik
bisher in Tübingen nicht bekannt war (vgl. Mnfeumsbericht >922 S. 32). Der Artikel erschien zuerst i»
DiebencrS Dt. Goldschmiedezeitung 1927, Nr. 33, mit Abbildung.

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