Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

Seite: 94
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nach neuester Forschung aus Friedberg in Hesien stammen soll, dem roman-
tischen Wetterauer Städtchen, ans dem schon so viel herrliche Kunst gekom-
men ist. Der Altar entstand etwa um 1400 und ist eines der schönsten Werke
dieser Zeit, voll Anmut und Temperament, ganz hell rosa, grün, lichtblau, in
einem wahren Farbenjubel begeistert hingemalt. Man wird in eine GlückS-
stimmung hineingerissen.

Wenig später entstand der ebenfalls erstmalig gezeigte Altar aus Ober-
stein, ein noch ganz unbekanntes, typisch mittelrheinisches Werk, das viel-
leicht dem Meister der schönen Kreuzigung von St. Stephan in Mainz zu-
gehört. Selbstverständlich wurden die großen Tafelwerke des Darmstädter
Museums in die Ausstellung einbezogen, da sie wichtige Anhaltspunkte bilden.
So konnte mit dem Ortenberger Altar eine neuerworbene Tafel der
Münchner Pinakothek konfrontiert und dem Meister zugewiesen werden. Sehr
begrüßt wird ferner die Herleihung der vier Tafeln des „M e i st e r s der
DarmstädterPassio n" aus dem Kaifer-Friedrich-Mufeum, so daß diese
erstmalig mit den Darmstädter Tafeln deS Meisters verglichen werden können.
Der Meister der Darmstädter Paffion ist eine fesselnde Erscheinung, am
Rande zweier Epochen stehend, der großen ersten und der kleineren zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts. In dem ganz anders gearteten Stil dieser zwei-
ten Hälfte taucht dann die spätgotisch elegante Gestalt des vielumstrittenen
Haus b u ch m e i st e r s auf, von dem, beziehungsweise seinem Umkreis, die
Mainzer, Karlsruher, Freiburger Werke und die sicher eigenhändige neu-
erworbene kleine Madonna in Halbfigur der Pinakothek in München zu
sehen ist.

Im nächsten Zusammenhang mit der Tafelmalerei stehen die Bild-
Wirkereien mit Motiven weltlicher und geistlicher Art, vor allem die herr-
lichen Stücke des Mainzer Domschatzes und die R e l i e f st i ck e r e i e n aus
St. Stephan in Mainz.

Nicht minder reich als die Malerei ist die Plastik vertreten. Sie beginnt
mit romanischen Kruzifixen und den wundervollen Köpfen, die aus dem Bau-
schutt anläßlich der Restauration deö Mainzer Domes zutage kamen. Damals
zogen Steinmetzen von Reims und Chartres nach Naumburg und Bamberg
zu den großen Dombauten und machten in Mainz Station. Unter diesen west-
lichen Einflüssen entstand dann später die große Madonna in Mainz, die jetzt
aus der Fuststraße in das Dommuseum gewandert ist. Sie begrüßt uns als
erste in der Ausstellung, von ihrer braunen Tünche befreit, ein ganz klein
wenig geschminkt, wie es alte Damen nicht lassen können. Von ihr aus geht
,,die Linie" durch die nächsten zwei Jahrhunderte. Strenger Stil, weicher
Stil, schlanke Kelchformen, ausladende Breite. Alle Typen sind vertreten.
Aus dem 14. Jahrhundert der Altar von Oberwesel mit dem zierlichen Ge-
wimmel seiner Kleinplastik, eine sehr schöne Madonna des Wiesbadener Mu-
seums, die an die Kölner Domfiguren erinnert. Dann die Bonner Pietä,
in ihren grauenhaften Größe eine Vorläuferin der Kunst Grünewalds. Der
Typus der Pieta ist überhaupt in sehr glücklicher Auswahl gebracht. Neben
der Bonner erscheint eine sehr schlanke, fast architektonisch stilisierte aus

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