Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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Religiöse Kunst in der Inbilsumsnusstellung
des MMt. Kunflvereins in Stuttgart.

Von £. Spektator.

I.

Ein seltenes Stiftungsfest ist dem Württembergischen Kunstverein in
Stuttgart beschieden. Die um die Förderung der Intereffen von Kunst und
Künstlern hochverdiente Vereinigung kann Heuer auf ein hundertjähriges
Bestehen zurückblicken. Ans diesem Anlaß hat der Kunstverein im neuen
Kunstgebäude am Schloßplatz eine Jubiläumsausstellung gegenwärtiger
Künstler des Landes veranstaltet, die einen guten Überblick über das Schaffen
einheimischer Maler, Bildhauer und Radierer gibt.

Werner Fleischhauer hat die Geschichte des Kunstvereins geschrieben,
leider erst die Entwicklung der vier ersten Jahrzehnte in der bisher er-
schienenen Festschrift behandelt. Wertvolle Aufschlüffe erhalten wir über Auf-
gaben, Ziele, Erfolge und Mißerfolge, geschäftliche und ideale Bestrebungen
des Stuttgarter Vereins. Sinnig ist das IubilänmSdenkmal, ein Relief von
Professor Ulfert IanfsenS von höchster dekorativer Wirkung, ein auf dem
Roß daherstürmender Reiter nach Art des Parthenonfrieses, am Weg stelu
ein Markstein mit der Zahl 100 (vergoldeter Gips — überhaupt ist viel
vergoldeter oder getönter Gips zu sehen).

Suchen wir in dieser mit 566 Nummern beschickten Jubiläumsaus-
stellung nach Werken religiöser, kirchlicher oder wenigstens dem Religiösen,
Kirchlichen nahekommender Kunst, so hätte nicht viel gefehlt, daß wir
nach des Diogenes Laterne greifen mußten. Sind die Vertreter religiöser
Malerei und Plastik im Württembergischen Kunstverein so spärlich organi-
siert oder beschäftigen sich die dort organisierten Künstler so wenig mit den
höchsten Problemen künstlerischer Darstellung oder endlich finden bei der
Ausstellungsleitung Schöpfungen aus dieser Gedankenwelt weniger Anklang?
Wenn nach Goethes wahren: Wort der Kampf zwischen Glaube und Unglaube
das tiefste Thema der Weltgeschichte ist, wird gerade in heutiger kampfdurck-
tobter Zeit die bildende Kunst sich die epischen und dramatischen Motive dieses
duellum mirandum nicht entgehen lassen. Freilich möchte man fast glauben,
das beinahe völlige Fehlen des religiösen Genres entspreche dem Niveau der
ganzen Ausstellung, die recht wenige Kunstwerke von großem Ausmaß -
materiell und geistig genommen — aufweist. Landschaften, Porträte, Still-
leben, Kleinplastik wiegen weitaus vor, auch in technischer Hinsicht finden wir
neben meisterhafter Handhabung, sei es der guten alten vor- und nachimpres-
sionistischen oder seltener der neuerpressionistischen Malweise manches Dilet-
tantenhafte, das höchstens in eine kleine Provinzstadtausstcllung heimai-
provinzlicher Leistungen und Versuche hineingehörte. Oder sollte die Jur»
ins Gegenteil der früheren selbstherrlichen Vonobenherabkommandierung odcr
der Cliquenallmacht verfallen sein, und zu viel Stimmen den Mitbeteiligten
eingeräumt haben? Die große Zahl der Namen in der Liste der Iurp-

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