Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

Seite: 108
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Neckar, einer gleichfalls zur fränkischen Provinz gehörenden Kommende, die
Aufgabe, dem dort durch den vorgenannten Beringer neuerbauten Kommende«
Haus eine neue Kirche anzufügen. Weitere Tätigkeit des fränkischen Meisters
auf württembergifchem Boden haben wir endlich dein Umstand zu verdanken,
daß auch der Hoch- und Deutschmeister auf diese junge Kraft aufmerk-
sam geworden war und Keller seit 1720 in seine Dienste zog, indem er ihm
keine geringere Aufgabe stellte, als einen Neubau des Deutschmeisterschlosses
zu M e r g e n t h e i m und zugleich der alten, damals noch als Sommersitz die-
nenden Deutschmeifterresidenz H o r n e ck am Neckar zu entwerfen und gleich«
zeitig auch das fürstliche Schloß zu E l l w a n g e n an der Jagst nach einem
Brandschaden von 1720 in gesteigertem Glanz wiederherzustellen. Denn der
damalige Hochmeister des Deutschordens, Franz Ludwig von der Pfalz,
war zugleich Fürstpropft von Ellwangen, wie auch dieser geistig bedeutende,
kunstliebende Herr noch die Würden eines Erzbischofs und Kurfürsten von
Trier und Mainz und eines Bischofs von Breslau und Worms in seiner Per-
son vereinigte und so über reiche Geldmittel verfügte.

Wenn wir Keller richtig kennenlernen wollen, müssen wir uns nach
Elling en begeben, in dieses noch fast unversehrte Schatzkästlein der Barock«
kunst, das erst seit der Wiedererweckung des Sinns für diesen Stil eine Neu-
entdeckung nach hundertjährigem Schlummer erlebte"). Er tritt uns hier ent-
gegen als ein Bahnbrecher deö sogenannten R e g e n c e ft i l s, eines Übergangs
vom Barock (im engeren Sinn) zum Rokoko, genannt nach der Regentschaft
des Herzogs Philipp von Orleans und des Kardinals Fleury für den minder-
jährigen Ludwig XV. (1715 — 43), jenes französischen Palaststils, in welchen,
die wagrechte Linie vorherrscht und dessen Bauzier schon die leichte Grazie deö
Rokoko atmet, ohne schon die Symmetrie zu verlassen und die architektonischen
Grundlinien zu verwischen. Dabei ist aber der Künstler mehr als die meisten
seiner Zeitgenossen frei von gedankenloser Nachahmung fremder Muster.
Vielmehr spürt man aus diesem jugendlichen Kopf überall eigene Ideen förm-
lich heraussprudeln, die echt deutsches Empfinden in das französische Schema
hineintragen und dem Höfischen etwas Volkstümliches beimischen, dabei doch
wiederum mit einer bemerkenswerten Mäßigung, die stets auf das Ganze sieht
und jede Übertreibung in den Einzelformen meidet, auch sich überall mit feinen,
Empfinden der Umgebung anzupassen versteht. So ist gerade auch in Ellingen
die Bauleiftung Kellers umso höher einzuschätzen, als er hier die Aufgabe zu
lösen hatte, einen schon vorhandenen Flügel in den Plan so einzufügen, daß
das Ganze aus einem Guß erscheint. „Bewertet man" - so schließt Schlegel
seine Würdigung des Meisters — „das Kunstwerk nach dem, was über Schule
und Tradition hinausgeht, was an ihm Äußerung eines starken persönlichen
Stilwillens ist, dann wird man Kellers Werke sehr hoch einschätzen."

Auch auf kirchlichem Gebiet hatte der Künstler während seines kurzen
Lebens Gelegenheit, seine Begabung zu entfalten durch die Erneuerung der

B) Ellingen ist Station der Schnellzugsstrecke (Nürnberg-) Pleinfeld-Treuchtlingen (-München).
Vgl. Bayerland 29. Iahrg. 1918. S 131 ff. (O. Häcker) nnd 36. Iahrg. 1925, S. 65 ff. (A. Schlegel).
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