Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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den Eindruck eines Flickwerks macht, vielmehr eines mit phantastischer Laune
hingeworfenen Virtuosenstücks von überzeugender Harmonie").

Freilich ist hier ein Vorbehalt zu machen. Keller als vielbeschäftigter Bau-
direktor war naturgemäß bei der Ausführung seiner Pläne wie auch beim Ent-
wurf einzelner Bauteile auf die Hilfe von Mitarbeitern angewiesen. Und so
ist bei einem Innenraum, der so wesentlich aufs Bildnerische eingestellt ist
wie die Ellwanger Schloßkapelle mit ihren reliefgeschmückten Gewölben und
Brüstungen, die geistige Leistung des S t u k k a t o r s vielleicht derjenigen des
Architekten mindestens gleichzustellen. Und da sind wir nun auf Grund der
Forschungen Schlegels in der Lage, auch den mutmaßlichen Schöpfer des bild-
nerischen Schmucks des Ellwanger Schlosses zu nennen: Franz Joseph Roth
aus Wien, den begabtesten Schüler Kellers, nicht viel jünger als dieser; denn
er hat schon 1716 die Tochter des Posthalters und Wirts zum „Fuchsen" in
Mergentheim geheiratet. Bereits oben haben wir gesehen, daß er an den
Plänen Kellers für Mergentheim mitgewirkt hat und sich zutraute, sie auch
als Bauleiter auszuführen, wie er auch tatsächlich nach Kellers Tod Bau-
direktor der Ordensprovinz Franken zu Eüingen geworden ist und dort noch
viel Schönes geschaffen hat, zum Beispiel das einzigartige Rathaus. Und so
dürfen wir vielleicht den eleganten Schwung und die heitere Anmut und
Eleganz des beginnenden Rokoko, die wir an den Bauten Kellers oft in reiz-
voller Mischung mit der kernigen Kraft des schwäbisch-fränkischen Barock
finden, jenem Schuß von Wiener Blut zuschreiben, das bei diesen Werken
schöpferisch mitgewirkt hat.

Zum Schluß noch ein Wort über die Bauleute gleichen Namens und
Stammes. Drei Brüder Kellers, namens Johannes (geb. 1679),Johann
Michael (geb. 1687) und Thomas (geb. 1684), übten gleichfalls das Bau-
gewerbe auS, ersterer als Fortführer des väterlichen Geschäfts zu Dürrwangen,
der zweitgenannte als Baumeister zu Neckarsulm, wo wir ihm bereits begeg-
neten, der dritte als Gehilfe seines Bruders Franz in Ellingen, doch ohne daß
einer dieser Brüder sich eine selbständige Bedeutung in der Kunstgeschichte zu
erringen vermochte. Dagegen hat der gleinamige Sohn des Johann Mi-
chael (1721 —94), also der Neffe des Franz, welchem W. Klein sein oben
erwähntes Buch gewidmet hat, als Stadtbaumeister in Schwäbisch Gmünd
der Familie neuen Ruhm erworben durch langjährige Bautätigkeit in der
Rokoko- und Zopfzeit. Als Kirchenbaumeifter genoß er seit dem gelungenen
Bau der Stadtkirche zu Aalen (1765), mit dem er vielleicht auf Empfehlung
der Fürftpropstei Ellwangen als Kirchenpatronin beauftragt worden war, auch
in protestantischen Kreisen solchen Ruf, daß er auch von der Reichsstadt Ulm
und dem Herzogtum Württemberg Aufträge zu Kirchenbauten (Türkheim,
OA. Geislingen, 1771, Alfdorf 1774) erhielt und eö hier verstand, neue Vor-
bilder für einen evangelischen Predigtsaal zu schaffen").

12) Qliicb die Steinbrüstungen der Galerien des inneren Schloßbofs und das große, einem „babnlo-
nischen Turm "gleichende Kamin auf derNordseiie wurden nach Hefelins Bericht gleichzeitig aufgesübrl,

”) Ein Rest von Unklarheit besteht über die Baumeisterfamilie Keller immer noch, da es auch
einen Zweig in D i n k e l s b ü h l gegeben baben soll, dem gleichfalls ein Johann Michael ein-
sprossen sei, geboren 1691 als Sohn eines Johannes, vielleicht eines Bruders des Jakob im benach-
barten Dürrwangen, Auch taucht in Heilbronn a, N. ein Baumeister I. G, oder I, Ehr, Keller
auf mit Rokokobäuten von 1765 und 1769.

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