Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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lm\ kunstgeslhichlllche Wonumenlslmerke aus dem
Ifrsnjlskugjubllsumslchr.

Von Anton Nägele.

Es ist und bleibt eine der denkwürdigsten Erscheinungen der Welt- und
Kirchengeschichte, daß neben dem armen Menschen- und Gottessohn von Naza-
reth der vielleicht treueste Nachahmer seiner freiwilligen Heilandsarmut, der
Poverello von Assisi, die nachhaltigste Wirkung auf kulturellem und sozialem
Gebiet zeitlebens wie nach seinem Tod auSgeübt hat. Im Wandel der Jahr-
hunderte und Jahrtausende sind nur wenige Gestalten aufgetreten, die sich in
ihrem Einfluß auf die Geistesentwicklung der Menschheit mit Franz von Assisi
vergleichen lasten. Nicht nur das religiös-sittliche Leben, besten Erneuerung
durch getreueste Nachfolge Christi ihm in erster Linie am Herzen lag, sondern
auch das kulturelle Leben des Mittelalters erfuhr durch seine Persönlichkeit die
mächtigste Umgestaltung. In der Dichtung wie in den bildenden Künsten
können wir die befruchtende Einwirkung des franziskanischen Geistes wahr-
nehmen. Vor allem ist der gewaltige Aufschwung der italienischen Kunst in
der Epoche der Frührenaiffance ein ungewolltes Werk dieser leuchtenden
Heiligengeftalt des Armen von Assisi. Kein Geringerer als der Heidelberger
Kunsthistoriker Henry Thode, gleich dem französischen Assisiforscher Saba-
rter protestantischen BekenntnisteS, hat der staunenden Welt, auch vielen
Nichtwiffenden in unseren Kreisen, außer den Schülern eines F. 3E. Kraus in
Freiburg, diese Tatsache verkündet. Sein zweibändiges Werk „Franz von
Assisi und die Anfänge der Kunst der Renaiffance in Italien", vor vierzig
Jahren erstmals erschienen, erlebte im Jubeljahr 1926 die dritte Auflage.
Im Vorwort zur deutschen Fiorettiausgabe TraubeS konnte Thode das Wort
wagen: „Franziskus von Assisi ist ein von aller Welt Verehrter geworden, ein
Heiliger so gut der Protestanten wie der Katholiken."

Hat schon die siebte Jahrhundertfeier der Geburt des Poverello im Jahre
1882 eine neue Blüte franziskanischer Literatur-, Geschichtö- und Kunst-
forschung hervorgebracht — es sei nur an drei Namen aus den drei meist
beteiligten Nationen erinnert: Christofani, Sabatier und Thode —, so sehen
wir diese wachsende franziskanische Signatur an einem gewissen Höhepunkt
im Jubeljahr des Gedächtnisses seines Todestages 1926 angelangt. Neben der
Unmenge aszetischer, biographischer, literarhistorischer Arbeiten hat das siebte
Zentenar des Hingangs des Heiligen von Assisi besonders der deutschen Kunst-
geschichtsforschung reichen Ertrag beschert. Hier sollen eingehender als in den
engen Spalten des kleinen RezensionenanhangS möglich ist, zwei Prachtwerke
/ über Assisi, seinen größten Sohn und sein herrlichstes Kunstdenkmal besprochen
werden; beide haben deutsche Ordensgenossen des Stifters der Minoriten
zum Verfasser, und mit dem Dreibund erprobter franziskanischer Forscher-
Haben sich zwei deutsche Verleger in Berlin und Düsseldorf mit einem in
unseren Tagen doppelt anerkennenswerten Opfermut vereint, daß aus den
Werken deutschen Gelehrtenfleißes und frommer franziskanischer Hingabe
würdigste Denkmäler der heurigen Säkularfeier wurden.

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