Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

Seite: 116
DOI Heft: 10.11588/diglit.15945.25
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15945.27
DOI Seite: 10.11588/diglit.15945#0121
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1927/0121
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
denn übertroffen werden kann. Namen von gutem Klang, wenn auch nicht von
erstem Rang haben an der Ausschmückung der Basilika gearbeitet, Cimabue,
Torriti, Giotto, Cavallini, Lorenzetti, Simone Martini, große und kleine
Meister, mit und ohne Namen, bis zu den letzten Ausläufern der italienischen
Renaissancemalerei, Giorgetti und Sermei. Die ganze Geschichte des Er-
lösungswerks aus dem Alten und dem Neuen Testament, die Entstehung und
Entwicklung des Franziskanerordens in seinen drei Zweigen sehen wir an den
Wänden dieses einzigartigen Heiligtums dargestellt. In einem einzigen Bau-
werk die ganze Entwicklung der italienischen Wandmalerei von etwa der Mitte
des 13. Jahrhunderts bis 400 Jahre später verfolgen zu können, ist doch wobl
eine einzigartige kunstgeschichtliche Erscheinung: Für einen solchen einzigartigen
Tempel der Kunst bedarf es fachkundigster Führung. Eine sinnverwirrende
Fülle von Problemen knüpft sich an Inhalt und Form fast jeder Darstellung:
am meisten natürlich umstritten sind die Fragen nach den Urhebern der vielen
Fresken, nach den Meistern der zahlreichen Schulen, die in diesem herrlichsten
Denkmal der Verehrung des Ordensstifters gearbeitet haben. Die sienesische,
römische, florentinische, bolognesische und umbrische Malerschule ist an dem
Jahrhunderte währenden Werk beteiligt. Mit stilkritischen Mitteln allein,
den neuzeitlichen, aufs feinste ausgebildeten Methoden der vergleichenden
Stilanalyse zum Ziele zu gelangen und die chronologischen, knnstgeschichtlichen
Probleme zu lösen, hat sich als unmöglich erwiesen trotz aller Forschermühen
in weiter Welt. Muß ja der nordische Kunsthistoriker Romdahl gestehen:
„Es gibt kaum in den beiden Kirchenräumen der Ober- und Unterkirche ein
Fresko, das nicht verschieden beurteilt würde." Und was einer der hervor-
ragendsten Kenner der italienischen Renaissance, Karl Frey, den ich vor
25 Jahren als jungen Berliner Universitätsprofeffor zu hören das Glück hatte,
den aber leider allzufrüh der Tod aus seinem Schaffen riß, von den alttesta-
mentlichen Fresken der Oberkirche und ihrer verschiedenen Beurteilung erklärt,
bezieht sich auch auf die meisten übrigen Wandmalereien in San Francesco:
in seiner großen VasariauSgabe (1, 453) spricht er von einem Uellum omnium
contra omnes, einem Federkrieg aller Kunsthistoriker, in dem nichts gewiß sei
als das lauoramu8, daß wir nichts wissen können.

Auch Kleinschmidt-Boving hält es für ein aussichtsloses Beginnen, alle
mit den Fresken der Basilika zusammenhängenden Streitfragen zu behandeln
oder gar entscheiden zu wollen, besonders hinsichtlich der Zuschreibung der ein-
zelnen Wandgemälde an diesen oder jenen Meister. Ihm, dem Verfasser bzw.
Herausgeber des neuen MonnmentalwerkeS über die Grabeskirche des heiligen
Franz von Assisi, kommt vor allem anderen zugute, daß er in jahrelanger
Forscherarbeit an Ort und Stelle als erster das ganze reiche Archiv des Kon-
vents des Franziskanerklosters durchgearbeitet und manchen archivalischen
Fund voll Bedeutung für die Lösung kunsthistorischer Probleme gemacht hat.
Die gefundenen Urkunden und Akten werden den dritten, in Bälde erscheinen-
den Band deS Monumentalwerkes füllen und in vielen Fragen objektiveren Auf-
schluß geben können, als es die oft rein subjektiven, ästhetischen Würdigungen,
die stilkritischen Lösungsversuche vermögen. So kann er zu den mit staunenS-

416
loading ...