Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

Seite: 118
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feite gelegenen Sakristeien der Basilika heute noch szenische Darstellungen
aufweist, behandeln ebenfalls die Verherrlichung des heiligen Franz von Assist
(an der Decke und an den Wänden), Szenen aus dem Leben Jesu und Mariä.
Sie stammen als letzte Schöpfung großer Zeit erst aus der Mitte des
17. Jahrhunderts, nicht unsympathische Arbeiten des von Christofani über-
schätzten LandSmannS des heiligen Franz, Giorgetti. Diesen zweitletzten, kür-
zesten und leichtesten Abschnitt hat der Herausgeber des Kleinschmidtschen
Werks, Pater Boving, verfaßt.

An der Hand eines so erprobten Führers und Forschers schreiten wir durch
die Kunstgeschichte und Kunstdenkmäler von vier Jahrhunderten und lasten
uns durch die fortgeschrittenste Reproduktionstechnik des Berliner Verlags
WaSmuth die zahlreichen Fresken der Basilika von Assisi vielleicht deutlicher,
als es die halb oder bis auf einen letzten kleinen Rest zerstörten Originale ver-
mögen, vor Augen führen. Neben den großen Zyklen und Szenen locken viele
Einzelausschnitte schärfster Erfastung mit modernsten Linsen zu eingehendster
Betrachtung: die vielen großen ganzseitigen Abbildungen in Lichtdruck,
16 Tafeln und 242 Textbilder sowie 19 Farbendrucke nach erstmaligen Ori-
ginalaufnahmen von DamaScan Hahnel in Bonn erleichtern das Studium
dieser Kunstgeschichte in Monumenten ungemein. Wenn sich der Herausgeber
wegen Aufnahme von Bildern, die nicht alle „schön" seien, entschuldigen zu
müssen glaubt, so darf er der Erwartung gewiß sein, daß alle Kunstforscher
und Kunstliebhaber gerade für die Veröffentlichung der zahlreichen ruinierten,
verfallenen oder dem sicheren Verfall entgegengehenden Freskenteile Dank
wissen werden, von welchen zum erstenmal unter nicht geringen Schwierig-
keiten brauchbare Photographien hergesteüt worden seien.

Wie würden assisibegeifterte Erforscher der franziskanischen Geschichte
oder Kunstgeschichte, Männer wie Sabatier oder Thode, die ihre Lebensarbeit
diesem Gebiete gewidmet haben, Kunsthistoriker und Theologen zugleich wie
F. •£. KrauS oder Erich Frantz, aufjubeln, wenn ihre in der Untersuchung der
Dokumente und Monumente Assisis ermüdeten und im Tode nunmehr ge-
brochenen Augen den Glanz der Kleinschmidtschen schwarzen oder farbigen
Tafelbilder hätten schauen dürfen und in den fürs unbewaffnete Auge völlig
verblichenen Zügen und Linien alter und ältester Fresken mit dem Blitzlicht
ihres Geistes manch neue Deutung hätten finden können! Welche Fülle von
Heiligengestalten aus dem Alten und Neuen Testament, der Legende altchrift-
licher und hochmittelalterlicher Zeit bieten diese freskengeschmückten Wände,
Charakterköpfe voll Geist und Leben, voll wechselnder Individualität in jedem
einzelnen bis zum letzten der mindestens dreihundertköpfigen Schar! Welch
strahlender Kranz von Schönheit, besonders der herben Schönheit der älteren
sienesischen, florentinischen und umbrischen Malerschulen leuchtet von den
Wänden dieses einzigartigen Tempels italienischer Kirchenkunst herab! Welch
reichen Gewinn könnte das Studium dieses Werks über Assisis Fresken unse-
ren heutigen Kirchenmalern bringen, wenn sie sich mit Aug' und Herz und
Hand in die Fülle technischer, künstlerischer, ikonographischer Anregungen ver-
tiefen wollten! Wie einst der Troubadour Gottes, der Sänger der heiligen

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