Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

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liebe erörtert (S. I — 17). Der zweite Hauptteil will in reichlicherem Wort
und Bild zeigen, wie in der Vorstellung der Künstler Franziskus mit den
einzelnen Zügen des Erdenwandels Mariä und ihrer Glorie im Himmel ver-
bunden erscheint. An unserem staunenden Auge zieht das ganze Marienleben
sozusagen mit franziskanischem Einschlag vorüber; der Heilige erscheint auf
Bildern der unbefleckten Empfängnis Mariä (die zwar nicht er selbst, aber
seine Ordenötheologen später eifrig verteidigten — nach Kleinschmidts Be-
merkung (S. 18) haben dabei die Künstler mehr ihre Phantasie als die Ge-
schichte zu Rate gezogen), ferner der Verkündigung Mariä, der Geburt in
Bethlehem, der Flucht nach Ägypten, der Madonna mit dem Jesuskind, der
heiligen Familie, der stillenden Mutter, der heiligen Anna Selbdritt, der
Schmerzensmutter, des Pfingstfestes und deS Todes Mariä.

Im zweiten Abschnitt- Maria und Franziskus in der Himmelsglorie,
sehen wir, wie künstlerische Phantasie und fromme Verehrung FrannSkuS und
Maria in der Herrlichkeit des Himmels nebeneinanderftellt. Es sind die
Bildergruppen: Maria und Franziskus im Kreise von Heiligen in der Sacra
Conversazione (heilige Unterhaltung) im Kreise von Engeln und Heiligen;
Franziskus als Fürsprecher bei Maria; auf Pestbildern, in Vistonsdarstel-
lungen, auf Rosenkrambildern; die Gürtelspende; Mariä Aufnahme und
Krönung im Himmel; Maria in der Glorie unter Teilnahme des heiligen
Fram von Assisi. Italienische Meister ersten Rangs, wie Raffael ^Madonna
von Foligno), Correggio und Tizian steuern hier ihrem heiliaen Landsmann
den Tribut der Verherrlichung bei. Von außerordentlicher Seltenheit ist die
spenfisch franziskanische Gattung des Schutzmantelbilds von Canorali,
auf dem Maria mit FrannSkuS und andern Heiligen die verschiedenen Stände
gegen die Pest schützt (Tafel 22), in der Frannskuskirche zu Montone in
Umbrien befindlich, gemalt im Jahr 1482. Daö S. 112 f. erwähnte Schwa-
bacher Altarbild von Wolf Traut, der 1511 die Lebensbeschreibung des
heiligenFranziskuS von Bonaventura mit Holzschnitten versah, darunter die
merkwürdige Rosenkranzlegende anbrachte, ist zweifellos eine seltene Abart
der Gnadenstuhldarstellung, im Kranz von 55 Rosen der Gekreuzigte mit
Gottvater und der Taube des Heiliaen Geistes, oberhalb des Querbalkens
Madonna, Stigmatisation des heiligen Franz und Gregoriusmeffe. Ich
selbst besitze eine solche ikonographisch äußerst seltene Darstellung auf einer
bemalten Holztafel des späteren 16. Jahrhunderts. Bei den abgebildeten
Krönungsszenen ist immer nur die eine der göttlichen Gestalten gemalt, die
Maria die Krone aufs Haupt setzt.

Zu bedauern ist an dem schönen Werk nur das eine, daß gegenüber der
Überzahl der italienischen Künstler die wenigen deutschen Meister fast völlig
verschwinden. Führich, Kunz, Overbeck und Schiestl sind nur im Vorbeiachen
genannt, eine einzige Abbildung von dem Nürnberger Dürerschüler Wolf
Traut repräsentiert die ganze deutsche Kunst, zwei von Rubens, je eine von
Calvaert und van Veen die flämische und holländische Kunst. Eine gründe
lichere systematische Durchforschung der Denkmälerinventare und Museums-
bestände wird ohne Zweifel dieses kleine, allzu kleine Kontingent, das die nor-

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