Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

Seite: 135
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rung" betitelt, zu dem eine gotische Kathedrale mit wundervoller Rosette
und ein Harfner darin das Motiv stellen. In wundervoll mysteriöser, aber
fast zu arg verschwommener Technik weiß die Künstlerin Licht und Schatten
der Dämmerstunde in und um das Heiligtum spielen zu lasten. Oder soll's
eine alte Schloßruine sein? (Nr. 18).

Ignaz Kaufmann (Stuttgart) stellt die Pfarrkirche von Pontresina
in den Vordergrund einer grandiosen, überfarbenprächtigen Schweizer -
Alvenlandschaft hinein (Nr. 301).

Edmund Stierle (Stuttgart) verwertet das Dorfkirchenmotiv in zwei
Heimatbildern vom unteren Evachtal und vom Bodensee, ganz in den Spuren
Christian Landenbergers wandelnd und köstliche Stimmung verbreitend
(Nr. 156, 155).

Der Sphäre des allgemein Menschlichen intb Religiösen gehört Rudolf
B r a ck e n h a m m e r s (Stuttgart) „Gebet" an. Auf Bergeshöhe in welt-
ferner, himmelnaher Einsamkeit ringt ein Mensch kniend, die Hände aus-
gestreckt, wie mit Fittichen das Gesicht deckend, inbrünstig mit seinem Gott
Himmel und Erde ist in gleich furchtbarem, düsterem Braun, wohl symbolisch
zu fasten, gemalt. Ein Moses auf Nebo in anderer Landschaft müßte den,
Künstler wohlgelingen und er könnte dem Beschauer vieles aus seiner mystisch
erschauernden Künstlerseele künden.

Rein landschaftlich wirkt die fast felsenmäßige Architektonik von Heinrich
Eberhards (Stuttgart) Konstantins Basilika in Rom (Nr. 229).

Eine biblisch-historische Figur, fast ohne jede Andeutung des Vorgangs,
der Kindaussetzung im Nil, ist die Marmorstatuette Daniel Stöckers
Stuttgart; die „Tochter des Pharao" kniet mit einem Fuß am Ufer, eine
peinlich fein gearbeitete Plastik von der Hand desselben Bildhauers, der auch
eine symbolische Figur „Sehnen" in Marmor gehauen bat, deren Sehnsucht
aber wohl nickt nach oben geht.

Eine kleine Rolle ist dem Heiligenbildchen der Bauernstube, jenen rohen,
hinter Glas gemalten, oft ervrestionistifch anmutenden Volksbildern gewid-
met auf dem Gemälde Karl S ch m o l l s v o n Eise n w e r t h in Stuttgart
(Nr. 338). An der Wand, vor der eine Bäuerin ibr Konterfei erhält, hängen
noch ziemlich deutlich erkennbar Hinterglasbilder, deren Technik noch aus den«
verschwommenen, meisterhaft angedeuteten Wandschmuck zu erkennen ist, eine
Kreuzigung, eine Pieta und ein unbekannter Heiliger.

Von jeher sind die Susannen, Magdalenen und Salomen als beliebte
Gelegenheiten, körperlichen Sinnenreiz oder die Lockung der Leidenschaft dar
zuftellen, reichlich benützt worden von Meistern des Pinsels und des Meißels
Purrmann malt effektvoll schon 1917 Salome, nur einen durchsichtigen
Schleier schwingend; das blaffe Haupt des heiligen Johannes des Täufers
liegt auf einer Schüssel zu den Füßen der ebenso wollüstigen als grausamen
Tänzerin (Nr. 352). Susann«, lebensgroß, nimmt in merkwürdig diagonaler
Komposition die ganze große Leinwandfläche ein, auf der nur der Kopf zu
kurz kommt (Nr. 195). Katharina Löwental (Stuttgart) ist die Malerin
dieses seltsamen Bildes.

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