Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

Seite: 136
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Endlich eine persönliche Staffage religiöser Hintergründe bilden
Hans von Heid er s Nonne, eine Barmherzige Schwester mit ebenso
leidendem als ergebenem GesichtsauSdruck (Nr. 382), und Rudolf PelinS
Eremit; der Mönch, wohl St. Benedikt, erhält in seiner grausen Felsen-
schlucht den Besuch eines Raben (Nr. 63).

Totentanzgedanken geben mehrere Blätter, Lithographien, Radierungen
und Holzschnitte wieder, so von Albert Schwenk in Ebingen (Nr. 4O8,
445). Wie eine Skizze zu seinem Gemälde „Um 1914" ist die Radierung
Gräsers (Nr. 456). Derselbe hat auch die Geschichte vom Zinsgroschen
rembrandtartig im Helldunkel der Köpfe (Nr. 455) und den Tanz ums gol-
dene Kalb (Nr. 457) radiert. Phantastisch eigenartig und tiefsinnig gibt sich
immer Reinhold Nägele (Stuttgart) in seinen feinen Temperaskizzen:
„Heiligtum 19IO" und „Hochzeit 1909" oder seiner Radierung: „Himm-
lische und Irdische 1911" (Nr. 513, 515, 516).

In der „Kölnischen Volkszeitung" hat einmal ein rheinischer Kunst-
kritiker die Frage aufgeworfen, wie es komme, daß allmählich auf nationalen
und internationalen Ausstellungen die wesentlich religiös gerichtete Kunst
am Verschwinden sei, eine beschämende Erkenntnis für den Kenner der
überwältigenden Bedeutung der religiösen Kunst in der Vergangenheit.
„Während alle Richtungen der zeitgenössischen Malerei — und sei ihr Haupt-
ziel nur: Kakteen zu stilisieren - umfastend oder charakteristisch auf den
meisten größeren Ausstellungen vertreten sind, vermißt man auf vielen das
religiöse Bild überhaupt oder hat - wird ein solches aufgehängt — mehr
das Gefühl, als handle es sich um einen Blindgänger, einen Zufallstreffer,
oder mehr um eine diplomatische oder lokale Notwendigkeit." Die vorüber-
gehende Einräumung einiger „Abteilungen für religiöse Kunst" in den letzten
Jahren hing nur mit der wie eine kurre Welle einsetzenden, oft recht äußer-
lichen Hinneigung zu Religion und Kirche unter ästhetischen und intellek-
tuellen Gesichtspunkten zusammen und entstammte vielfach „kramvfhafter Ver-
anstaltung, persönlichen und gewaltsamen Untergründen". Wohl findet Dr.
öfer (Köln) eine der Ursachen dieser leidigen Feststellung in den tatsächlich nicht
immer überraschenden oder überragenden Leistungen der heutigen religiösen
Kunst, in der Propagierung oder Sanktionierung von ruviel belangloser
Dutzendware — ein freimütiges Bekenntnis, das vom Rhein her auch ain
Neckar gehört werden mag -, aber er findet es noch lange nicht aenug erwie-
sen, „ob die in der Maste unsäglich langweilenden Ausftellungsbilder anderer
— profaner — Sujets nicht ebenso wertlos, wenn nicht viel überflüssiger
sind". Eine größere Teilnahme des religiösen Bildes auf den allgemeinen
Künstlerausllellungen, seine Gleichberechtiaung hinücktlich des Inhalts wie der
technischen Mittel, die Beachtung des religiösen Bildes als eigenbeständiges
Kunstwerk wird als Forderung erhoben. DaS nur rein Sinnliche. Greifbare,
Zeitliche soll vor dem Geistigen, Innerlichen, Überzeitlichen nicht in solchem
Maße vorwiegen. Nicht nur die Wohnung des Menschen, auch der Temvel
Gottes soll würdig geschmückt und dementsprechend auch das reliaiöse Bild
gewertet werden. Ohne engherzige Gesichtspunkte, ohne kleinliche Einengung

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