Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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Gewölben, bald in schlichteren mit flachen Decken. Doch greift man gelegent-
lich auch auf den romanischen und den Übergangsstil zurück, und erst gegen den
Schluß kommt die Spätgotik in einfacherer wie in reicherer Form und Barock
zum Wort, während die benachbarte Schwei; und Bayern die nachgotischen,
Baden den spätgotischen Stil bevorzugt. Die Dimensionen schwanken entspre-
chend dem Größenunterschied der in Betracht kommenden Gemeinden zwischen
den knappen Ausmaßen von Geislingen und den imposanten Räumen der
Neubauten von St. Maria und St. Elisabeth-Stuttgart, der Garnisons-
kirche in Ulm, der Heiliggeistkirche in Schramberg, der neuen Kirchen in Cann-
statt, Spaichingen und Heilbronn u. a. (um nur die größten zu nennen).

Auf das Nebeneinander von Basilika und Hallenkirche am Eingang folgte
eine Zeit deutlicher Vorherrschaft der erfteren, und erst gegen den Schluß ge-
winnt die Hallenkirche mehr Sympathien. Wir haben also innerhalb zweier
Menschenalter sämtliche Baustile des Mittelalters wieder durchlebt, wenn-
gleich nicht genau in der historischen Abfolge, und wie damals, so war auch
neuerdings die Hallenkirche nur der Vorbote des Barock. Aber neben dem
Drang nach Licht, Weiträumigkeit, Übersichtlichkeit und freiem Blick auf den
Altar stand die bittere Not als Geleit an der Übergangsstelle. Die Kata-
strophe von Lautlingen hatte die Erdbebengefahr in ihrer ganzen Furchtbarkeit
gezeigt und den Eisenbetonbau empfohlen, und die beiden gediegenen Beispiele
desselben am Albtrauf (Lautlingen von Schlösser und Laur und Straßdorf
von Herkommer), außerdem Aalen und die ülmer Friedenskirche von Schlös-
ser, die Stuttgarter Fideliskirche von Hummel haben seine Leistungsfähigkeit
glänzend bewiesen. Die durch sein Material und seine Technik bedingte
Schlichtheit der Formen liegt völlig im Verfolg der Leitmotive, die die Knapp-
beit der Mittel dem Kirchenbau in unserer Diözese von Anfang an mit auf
den Weg gegeben batte, lind begegnet zugleich wirksam den Extravaganzen, die
dem Barockstil seinen Namen eingebracht haben: der Ungeheuern Wucht der
Pfeiler, der Verkröpfung des Gebälks, der Kuppelung der Säulen, der Häu-
fung der Konsolen und Voluten. Das Derbe verliert er. Das Lichte, Klars,
Weite behält er, und damit ist ihm zugleich die Stimmung gesichert, die ihn
von jeher charakterisierte und gerade in der düstern Gegenwart zeitgemäß er-
scheinen läßt: das Sonnige, Erbebende. Die Losung „mehr Licht" klingt schon
deutlich genug heraus aus der Spätgotik mit ihren, den ganzen Raum von
Pfeiler zu Pfeiler ausfüllenden Riesensenstern, dem Zurücktreten der Glas-
malerei, der Verjüngung der Pfeiler, dem Verschwinden der Kapitelle, dem
Überspinnen der früher scharf abgegrenzten Gewölbejoche mit einem einheit-
lichen, oft fächerartigen Netz von leichten Rippen. Die nachgotische Bauweise
hat diese Losung noch wesentlich verstärkt, und weder die Not nach den. Dreißig-
jährigen Krieg, noch der Jammer der französischen Raubkriege vermochten sie
zum Schweigen zu bringen. Je düsterer der politische Horizont war, desto
lichter baute das bedrückte Volk seine Kirchen. Hier, in Gottes Nähe, wollte
es aufatmen und sich aufrichten. Unsere äußere Lage gleicht der damaligen auf
ein Haar. Vielleicht fließen auch uns Linderung und Trost aus denselben
Quellen und dieselben Rinnsale. Zeigen doch auch unsere jüngsten Bauten

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