Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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lüeue kirchliche lkkielmelallkunst.

Von Prof. Or. I. R o h r, Tübingen.

Joseph Hugger, der leider so früh verstorbene Rottweiler „Goldschmied",
wie er sich bescheiden nannte, war tief gekränkt, als man ihm die Ausstellung
einer peinlich getreuen Kopie einer unsrer einheimischen mittelalterlichen Mon-
stranzen im Landesgewerbemuseum abschlug. Später sah er die Berechtigung
dieses „Unrechts" ein. Aber jene Kopie hatte doch das Gute, daß er sich in die
Reize und Geheimnisse der alten Kunst einfühlen und ihnen ihre gediegene
Technik ablauschen konnte. Er lernte aber außerdem selbständig entwerfen und
fand damit im Inland wie im Ausland so vielseitige Anerkennung, daß eö ihm
an Aufträgen nie fehlte. Leider versagte später der Körper dem Geiste den
Dienst. Kurz vor seinem Tode sagte er mir einmal: Es ist betrübend, wenn
man eine Menge kunstgewerblicher Gebilde klar vor seinem geistigen Auge
stehen sieht, aber in der Hand nicht mehr die Kraft besitzt, sie auch nur zu
zeichnen, geschweige denn ausznführen. Sein Tod war ein schwerer Verlust
für die Heimat. Bald nachher lenkten kirchliche Edelmetallarbeiten die Auf-
merksamkeit auf sich, die für die alten kirchlichen Kulturbedürfnisse neue Formen
zu schaffen suchten und doch die Fühlung mit den geschichtlichen Vorlagen nicht
völlig verloren. Es war kein Zufall, daß sie in G m ü n d, der alten Heimat der
Goldfchmiedekunft, bzw. von Künstlern gefertigt wurden, die in Gmünd ge-
boren und großenteils auch ausgebildet worden waren, vor allein Joseph
Seitz, setzt in München. Den Lesern des Archivs ist sein von, WilhelmSstift
beim Bischofsjubiläum als Ehrengabe überreichtes Ziborium bekannt und sein
Kelch, das Ehrengeschenk der niederen Konvikte bei demselben Anlaß. Gmünder
Arbeit (Joseph G e i g e r) ist auch das Geschenk der katholischen Lehrerinnen
an PiuS XI. bei ihrer Iubilänmswallfahrt. Ein Kelch von ihm ist beschrieben
Archiv 1926, S. 28 f. Eine Monstranz von Holbein (Gmünd) würdigte
jüngst der Schriftleiter (Archiv 1927, S. 68).

Neben dem Ziborium von Seih brachte unser Organ 1926 (S. 31) ein
solches von FritzMöhle r, Gmünd (für Spaichingen) und gab bei der Wür-
digung seiner edlen Formen dem Wunsche Ausdruck, eS möchte sich eine Hülle
Herstellen lassen aus dünnster weißer Seide, die ein Durchscheinen von Glanz
und Form ermögliche. Damit ist indirekt das Bedauern ausgesprochen, daß
das Werk als Ganzes beim Gebrauch jeweils nur wenige Minuten sichtbar ist.
Reichbewegte Formen und doch Klarheit der Silhouette, sachgemäße Behand-
lung des Materials, fein ausgedachte Abwechslung in der Farbe, peinliche
Sorgfalt auch in der Ausführung der minutiösesten Teilchen sind das Geheim-
nis dieses Erfolges. Dieselben Vorzüge zeigen die Ehrenkronen zum Bischofs-
jubilänm (ebenda S. 32 ff.). Sie haben weit über den Bereich unserer Diözese
hinaus Beachtung gefunden (vgl. „Die christliche Kunst" 1926, S. 148). Un-
gefähr in dieselbe Zeit fällt die Anfertigung einer Reihe von Ehrengaben
profaner Natur: Wanderpreis des württembergifchen Staatspräsidenten
Bazille zum Solituderennen (auf kräftigem Sockel eine feingearbeitete Sieges-
säule, darüber als Abschluß eine etwas breiter ausladende Bekrönung mit

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