Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 18
DOI Heft: 10.11588/diglit.15946.2
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15946.6
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15946.7
DOI Seite: 10.11588/diglit.15946#0022
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1928/0022
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Verdammten", „Melancholie", „Genius", der „Weihnachtszyklus", „Meer-
stern", „Herz Jesu", „St. Notburga", „St. Franziskus" zeigen denselben
Spannungsgegensatz: urinächtige Wucht und eine trauinhaft verklärte Schön-
heit; nichts von Gesuchtheit, Bizarrerie oder Sentimentalität; wohl aber
eine gesunde, ideal verklärte Schönheit von einem linearen Wohllaut, von
welchen, auch die Zeichnungen für den „Kath. Frauenbundskalender 1926"
einen Begriff geben. In rascher Folge entstanden gerade die Entwürfe zu den
letztgenannten Schöpfungen, ohne Modell mit Sicherheit aus dem Augenblick
geschöpft. „Jedes Werk ist eine Neuschöpfung lind das ist beglückend"; dieses
Wort WittigS gilt auch von Cammisar. Wenn der letzte Zyklus „Para-
tz i es li n d H ö lle" als Radierwerk erschienen sein wird, wird sich erst all
das offenbaren, was sich an den Namen Cammisar knüpft: als Künder einer
großen beglückenden Welt, die im Zeitalter geistiger lind sittlicher Zersetzung
neuen Glauben schöpfen läßt an die Sieghaftig kei t der
katholischen Kunst und der katholischen Idee, die zugleich eine
Absage ist an eine seelisch entwurzelte Kunst, die zu ihrem Teil die geistige
Verwirrung unserer Tage dokumentiert.

ßultgeräte Der st. Nugustinuskirche in fljeilbrontt.

Von Erich Eiidrich, Vikar in Heilbronn.

Die Kunstsprache hat Ausdruck, wenn sie echt und ehrlich ist, wenn sie
künstlerische Wahrhaftigkeit verrät. Sie war in den letzten Jahrzehnten viel-
fach zum Schweigen verdammt, da gewissenlose Macher unsere Kirchen mit
schwacher Unkultur überschwemmten. Das Kunstgewerbe erniedrigte sich zur
„Devotionalienfabrik", die sich auf „gangbare Artikel" einstellte. Diesen
„gangbaren Artikeln" klebte Geschäftssinn, nicht aber Schönheitssinn etwas
„Kunst" an, anstatt die Erzeugnisse des Gewerbefleißes aus ihren, Zweck und
Wesen seelisch zn gestalten. Verirrte sich solche Talmikunst (ein deutsches
Wort für Talmi ist Katzengold!) in den kunstbeseelten Raum einer gotischen
oder einer Barockkirche, so inußte ihre Blutarmut und Leichenblässe doppelt
nüchtern wirken. Mitunter mag solches Leichengift auch die echte Frömmig-
keit verseucht haben; denn ein lang betrachteter Gegenstand geht in die Seele
ein. Das kirchliche Kunsthandwerk von heute hat einen edlen Kampf. Er gehr
gegen Lüge, Schein und Schund, selbst wenn er im frommen Mantel kommt.
Für jeden kirchlichen Kunstgewerbler muß das Dichterwort zur Wahrheit
werden: „Er goß auch Lieb' und Glauben mit in die Form hinein." Beson-
ders muß das kirchliche Kleingerät, das in, erhabenen Dienste des Altares
wie der ganzen Kirche steht, echt und ehrlich sein. Minderwertigkeiten auf den
Altar zu stellen ist Ehrfurchtslosigkeit, die gegen de» kirchlichen Sinn verstößt.

Drei Eigenschaften fordert künstlerische Wahrhaftigkeit von jedem Kultur-
gerät: l. Zweckmäßigkeit, 2. haltbaren Stoff in gediegener Verarbeitung,
3. entsprechende Schönheit. Zur Zweckmäßigkeit gehört von selbst die Be-
obachtung der liturgischen Vorschriften. Nicht gefordert ist für ein einzelnes
Gerät ein bestimmter geschichtlich gewordener Stil; ja er kann sogar den

18
loading ...