Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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einen, zwei, ja vier Türme und über der Vierung (Quadrat, in dem sich Lang-
und Querschiff schneiden) eine Kuppel oder einen weiteren Turm errichtete,
das Querhaus gleichfalls mehrschiffig gestaltete, oder über den Seitenschiffen
Galerien mit dein Blick ins Mittelschiff errichtete und alle drei Schiffe flach
eindeckte oder mit dem offenen Sparrenwerk abschloß oder einwölbte (Tonnen-
gewölbe: ein der Länge nach geteilter Halbzylinder, Kreuzgewölbe: zwei sich
.rechtwinklig schneidende Halbzylinder, Rippengewölbe: die Schnittlinien be-
tont durch Rippen). Da die Seitenschiffe genau halb so breit sind als das
Mittelschiff, so trifft es auf ei» Gewölbefoch des Mittelschiffs je zwei iu
jedem der beiden Seitenschiffe.

Eigentümlich ist dem romanischen Stil ein gewisser Ausgleich zwischen
Höhen- und Breitendrang (Höhe und Breite kommen sich ziemlich nahe),
sodann die schlichte Haltung der Außenwände. Gewöhnlich sind sie nur belebt
durch dünne Blendpfeiler (Lisenen), die oben verbunden sind durch einen
RundbogensrieS (Zahnschnitt- oder Schachbrettmuster). Doch hat die deutsche
Freude an der Natur sich da und dort betätigt durch Anbringung von Tier-
gestalten und ganzen Iagdszenen. Reicher belebt sind die Türanlagen: die
Wand links und rechts abgetreppt, in die Ecken Säulen eingefügt, über dem
Türstur; öfter verbunden durch einen Bogen, das Bogenfeld belebt durch
biblische Szenen, namentlich Darstellungen des Weltenrichterö. — Die Licht-
quellen sind verhältnismäßig klein, die des Mittelschiffs größer als die der
Seitenschiffe, so daß das Oberlicht überwiegt und schon im romanischen Stil
das Leitmotiv des gotischen, das Lursum eorcku, empor die Herzen zu Gott, „dem
Vater der Lichter", leise anklingt. Die breiten Mauerflächen des Innern
boten der Malerei ein lockendes Betätigungsfeld, und wenn die Kunst des hei-
ligen Lukas den Weg selbst bis auf das entlegene Burgfelden bei Balingen
fand, so können wir ahnen, welcher Wertschätzung sie sich damals erfreute.

Kunstzentren waren für unsere Heimat die schon genannten Klöster
St. Gallen und Reichenau. Später übernimmt Hirsau die Führung und be-
stimmt die Bauweise bis in die Vogesen hinein. Die romanischen Kirchen
unserer engeren Heimat sind schlicht und einfach gehalten. Es finden sich solche in
Faurndau, Lorch, Gmünd (Iohanneskirche), Königöbronn, Ellwangen, Stein-
bach, Komburg, Murrhardt, Hirsau, Klosterreichenbach, Alpiröbach, Altstadt.
Größere Ausmaße und reichere, ja reichste Ausstattung weisen die Kaiserdome
zu Mainz, Speyer und Worms.

Es ist kein Zufall, daß mehrere dieser Bauten sich um den Hohenstaufen
gruppieren. Der romanische Stil beherrscht die Bauweise der Blütezeit des
deutschen Kaisertums von Karl dem Großen bis in die Tage der großen
Staufer, ist also der künstlerische Ausdruck des nationalen Selbstbewußtseins
in der Zeit des Aufstiegs der Deutschen zur Vormachtstellung im Abendlande.
Als die Germanen über die Grenzen des Römerreichs einstürmten, waren sie
Barbaren. Aber unter der Leitung der Kirche wurde dem urkräftigen Wildling
ihres Volkstums das Edelreis der antiken und christlichen Kultur eingepflanzt,
mit dem Erfolg, daß der Germane nicht einfach romanisiert und hellenisiert
wurde, sondern sein bestes Eigengut mit dem Erbe der Antike zu einem orga-

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