Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 36
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nischen Ganzen zu verschmelzen vermochte. Dabei waren die Römerzüge nach
Italien und die Kreuzzüge nach dein Orient wichtige Faktoren.

Mit dem Staufersturz drängen sich die zentrifugalen Kräfte vor. Es
kommt „die kaiserlose, die schreckliche Zeit", die Periode des FanstrechtS, und
kein späteres Geschlecht vermag der Kaiserkrone mehr den alten Glanz zu
verleihen. Aber unter den: Schutz des Kaisertums war das Bürgertum
erstarkt lind zu einem mächtigen Faktor im nationalen Leben geworden.

Parallel mit dem politischen vollzieht sich auch der künstlerische Umschwung,
der Übergang vom romanischen zum gotischen Stil. Den wuchtigen Rund-
bogen ersetzt der leichtere, aber weniger tragfähige Spitzbogen. Mit den
Dimensionen wachsen die Lasten. Die Fenster werden größer. Darum konzen-
trieren sich die tragenden Kräfte in den Pfeilern, den rechtwinklig zur Außen-
wand aufsteigenden Stützen. Man unterscheidet einen frühgotischen Stil
(1225 — 1250), mit schlichtem Spitzbogen als Fensterabschlnß, schüchtern
hervorwachsenden Knospen als Kapitälschmnck, leichterem Naht- oder Rippen-
gewölbe anstatt des schweren und drückenden Tonnengewölbes. Hauptbeispiele:
die Liebfrauenkirche in Trier und die Elisabethenkirche in Marburg — einen
hochgotischen von 1500 bis 1400: die Fenster durch Rippen gegliedert, die
oben im Drei- und Vierpaß abschließen, die Pfeiler belebt durch Stäbe und
Hohlkehlen, nach oben sich verjüngend in den Fialen, die Kanten geschmückt
mit Krabben, die Spitze auSklingend in der Kreuzblume, zwischen Pfeiler und
Fiale ist eine Art Tabernakel eingeschoben, die Kapitäle sind mit Laub- und
Rankenwerk umwunden, die Portale gekrönt von Wimpergen (reichgeglie-
derten Dreiecken); Hauptbeispiele die Dome von Köln, RegenSburg, Halber-
stadt, die Schiffe von Freiburg und Straßburg — einen spätgotischen von
1400 bis 1500 und darüber hinaus. Den Spitzbogen ersetzt der in seinem
unteren Teile eingeknickte Eselsrücken. Das Rippenwerk spinnt sich in netz-
oder sternförmigen Gebilden über die Decke hin. Den Drei- und Vierpaß
verdrängt die Fischblase. Die Pfeiler und Säulen verzichten vielfach auf ein
Kapitäl, dafür wird der Sockel reichlich gegliedert. Beim Übergang von der
senkrechten zur Spitzbogenlinie durchschneiden sich die Stäbe. Die Pfeiler
ragen nur wenig über die Außenmauer hervor, werden aber vielfach als
Mauer nach innen gezogen, bilden also soviele Seitenkapellen, als es Fenster
sind, und schaffen ein reiches Betätigungsfeld für die Gebefreudigkeit und
den Kunstsinn von Privaten, Sippen, Zünften, Bruderschaften und Ständen
und für individualisierte Innenkunst. Ja man fühlt sich in der Statik so
sicher, daß man sich an breite, einschiffige Hallen mit weitgesprengtem Gewölbe
wagt, ;. B. in Blaubeuren. Beispiele für große, mehrschiffige Anlagen sind
der Wiener Stephansdom, das Ulmer Münster, und in etwas kleineren Aus-
maßen die Kirchen von Rottenburg, Tübingen, Herrenberg, Urach u. a. Es ist
die Zeit des Wirkens der Böblinger, Ensinger, Parker, Auberlin, Jörg, Peter
von Koblenz.

Der Staufersturz bedeutet selbstverständlich einen schweren Rückschlag
für die Heimat des Kaisergeschlechts, das Schwabenland, so daß es über An-
läufe zur Frühgotik nicht hinauskommt. Dagegen besitzt es Glanzleistungen

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