Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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Die fünfte Figur, St. Ursula mit Krone auf dem Haupt, einem Buch
und zwei Pfeilen in den Händen, dürfte von der Mnltschcr-Werkstatt wenig
>nehr an sich haben. „Das Gesicht mit der breiten Stirn und den vollen
Wangen ist typisch oberschwäbisch." Die Figur wird datiert um 1460. Sie
stammt aus Biberach.

Tafel 6 und 7 sind Schweizerheiligen, St. Gallus und seinem späteren
Nachfolger, dem hl. Othmar, gewidmet. Erstere Figur aus S ch ö r z i n g e n,
oberschwäbisch, um 1480, gibt mit merkwürdig feiner Handbewegung dem
Bären, der ihm nach der Legende daö Holz zum Kirchenbau zusammentrug,
das Stück Brot als wohlverdienten Lohn. Die Milde und Gelasienheit des
Stifters der St. GalluSzelle kommt in dem Gesicht zu gelungenem Ausdruck;
noch mehr spiegelt sich diese im Antlitz des heiligen Othmar, der, das
Fäßchen auf dem linken Arm, den Armen daraus den nie versiegenden Wein
spendet. Die unruhige Faltengebung mit ihren Brüchen und Knicken, die Ent-
materialisierung des Körpers hat in der zweiten Skulptur noch zugenommen;
sie stammt aus Wurmlingen bei Tuttlingen. Sie wird bestimmt: Ober-
schwäbisch, um 1490. Neben dem Einblattdruck in der Stiftsbibliothek zu
St. Gallen dürfte wobl unsere Rottweiler Figur eine der ältesten Ab-
bildungen de6 ersten Abts der Klosterzelle an der Steinach fein: Künstle in
seiner Ikonographie der Heiligen, der dieses Othmarbild nicht kannte, weiß
von keiner älteren Darstellung mit dem unversiegbaren Fäßchen. Dagegen
kann ich für St. Gallus' Darstellung eine verwandte, sächlich und zeitlich
nahestehende Figur im Kirchlein zu Hermentingen in Hohenzollern an-
führen. Die Rottweiler Skulptur wird nach dem Vorgang der Hermentinger
in der Linken den Abtsstab gehabt haben. Entsprechend dem Alter der Her-
mentinger Pieta, das ich durch Auffindung einer StiftnngSurknnde vom Jahr
1476 genauer bestimmen konnte, wird auch diese zweite Figur des Heiligen,
dem die ehemalige Pfarrkirche geweiht war, der zweiten Hälfte des 15. Jahr-
hunderts angehören. Kleiner und derber ist der heilige GallnS, den ich vor
langer Zeit in Stetten (Oberamt Ehingen) sah, edler die Statue in Rißegg
(Oberamt Biberach).

Tafel 8: Der Olberg aus Markdorf, ist typisch für die breite, epische
Darstellung der spätmittelalterlichen Kunst. Die Gestalten des betenden Chri-
stus und der schlafenden drei Jünger sind nach Haltung und GesichtSauSdrnck
dem Olberg in Altheim bei Riedlingen durchaus verwandt. Der weiden-
geflochtene Zaun, der den Schauplatz der Szene einrahmt, fehlt selbst in
steingehauenen Olbergsdarstellungen nicht; aus der Erzählungskunst der
Spätgotik geht er in die späten Renaissancebilder über, wie die Gruppe auf
dem Salvator bei Gmünd von der Hand des Kaspar Vogt um 1620 zeigt.

Nach Form und Inkalt eines der interesiantesten Bildwerke des neuen
Rottweiler KnnstheftS wie der alten St. Lorenzkapelle ist die neunte Tafel:
das Pestbild aus Kloster Urspring. Zuoberst sehen wir Gottvater im
Brustbild, die Pfeile seines Zorns auf die Menschen unten mit seinem Bogen
abschießend. Maria breitet ihren Mantel ans zum Schutz der armen sündigen
Menschheit, die in zwei Gestalten vertreten ist (wenn es nicht ein Votivbild

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