Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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mit den zwei betenden Stiftern sein sollte). Ein Engel halt den nur auf einer
Seite ausgebreiteten Mantel. Ihr gegenüber steht Christus, auf seine Wund-
male weisend. Die Pfeile sinnbilden die Pest, die als Strafgericht Gottes,
als Gottesgeisiel neben Hungersnot, Erdbeben und Krieg aufgefaßt wurde.
Solche Pestbilder, mit dem Schutzmantelmotiv verbunden, sind in Plastik
und Malerei des späten Mittelalters nicht selten. Unter anderen ikono-
graphisch nächstverwandten Darstellungen erwähne ich hier besonders das
leider fast ganz verdeckte Fresko an der Westwand des Münsters in Gmünd
lind ein Tafelgemälde im Maximiliansmuseum zu Augsburg. Stilistisch weist
die Rottweiler Gruppe in die Art des Meisters des Blaubeurer Hochaltars
mit seinen seelisch ähnlich erregten, körperlich weniger durchgebildeten Altar-
figuren.

Für Tafel 10 ist die Figur eines heiligen Abtes auSgewählt, der die
gleiche erregte Ornamentik des ausgehenden 15. Jahrhunderts aufweist: viel-
geknickte Falten, „tiefe Aufgewühltheit und nervöse Spannung" im Antlitz,
feine, zarte Bildung der Hände. Die näheren Attribute zur Bestimmung der
Persönlichkeit des Heiligen fehlen. „Oberschwäbisch, um 1500" lautet die
Signatur.

Im Gegensatz zu dem unruhigen Abt der zehnten Tafel zeigt die elfte ein
hervorragendes Beispiel der unter dem Einfluß der Renaisiance eintretenden
Beruhigung der deutschen Plastik. Die heilige Margareta aus Ring-
genweiler, oberschwäbisch um 1510, trägt im Antlitz das Gepräge „jung-
fräulicher Anmut und leiser Versonnenheit". Schwert und Blume sind ihre
Attribute.

Das letzte und jüngste Werk dieser vortrefflichen Auswahl Rottweiler
Museumsskulpturen zeigt eine Arbeit in der Art des Biberacher Bildhauers
Jörg Kändel um 1520. Erinnert die kunstvolle Komposition, die kühle
repräsentative Haltung der Gestalten dieser Kreuzauffindung „ans
Wangen a. R." an die allmählich vordringende Renaisiance, so hält den Ein-
fluß der Gotik die Betonung des seelischen Gehalts des ErlebniffeS und die
Unterordnung der äußeren Form noch länger fest. Das knittrige Faltenspiel ist
zurückgetreten; lange, parallellaufende Falten erzielen beruhigende Wirkung.

II.

Die Lorenzkapelle in Rottweil und der Gründer ihrer Kuustsammlung.

Die Schatzkammer, welche die von vr. Getzeny anögewählten' zwölf
Kleinodien birgt, ihre kirchliche und künstlerische Vorgeschichte, auch die Ent-
stehung und Entwicklung der kostbaren Kunstsammlung kennenzulernen, soll
die neue Lorenzkapellenmappe vor allen» anlocken. Klingt es ja doch, wie für
den Referenten und Herausgeber der Zeitschrift, so auch für gar viele Leser
und Kunstvereinsmitglieder wie eine Ingenderinnernng, wenn sie von der
Lorenzkapelle hören. Wieviele Jugend- und Studiengenosten vom Rottweiler
Gymnasium und Konvikt haben tu den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhun-
derts während ihres Rottweiler Aufenthalts von diesem am Stadtrand ge-
legenen Heiligtum nur gehört und haben eö nie von innen gesehen! In meinen

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