Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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lischer Kirche mit Theologie, der christlichen Kunst der Vergangenheit — um
von der Gegenwartskunst heute und hier nicht zu reden.

Der heutigen Generation verkündet einer der berufensten, nicht vom
eigenen Vaterhaus und Mutterschoß der eigenen Kirche ausgegangener Kenner
mittelalterlicher Kunst in den wenigen Zeilen feines Geleitworts zu GetzenyS
Bildertert, Profeffor Dr. I. Bau m: „Rottweil darf auf feine Sammlung
[in der LorenzkapelleO stolz fein. Es gibt keine zweite Stadt von der Größe
RottweilS in Deutschland, die ein so bedeutendes Museum mittelalterlicher
Bilderkunst ihr eigen nennt."

Wer das Neckartal aufwärts fährt und von weitem die Türme der alten
Reichsstadt Rottweil aufragen sieht, dem fällt bei», Näherkommen ein Kirch-
lein auf, das mit seinem kreuzgekrönten Dachfirst und schmucken Oftchörlein
zum schroff abstürzenden Neckartal hinabschaut. An der nordöstlichen Ecke der
Stadtmauer liegt die auch baugeschichtlich interesiante Kapelle, umgeben von
den alten Friedhofmauern. Maßwerkverzierte Spitzbogenfenster spenden reich-
lich Licht in das geräumige, breite Schiff, dem ein außen halbrunder, rippen-
kreuzgewölbter Chor vorgelegt ist. Beide sind mit Strebepfeilern besetzt. West-
und Südportal sind reich und kräftig profiliert, die Netzgewölbe des Schiffs
zeigen zierliche Schlußsteine. Den laut Urkunde in, Jahre 1559 (nicht 1579,
wie überall zu lesen ist) vollendeten Bau beherrscht noch ganz die gotische Archi-
tektur, aber der Einfluß der Reuaiffance kündigt sich in Einzelheiten der
Ornamentik und Profilierung, auch durch das nach Eduard Paulus „schon
sehr verwitterte" Steinmetzzeichen an.

In der Mitte des Bodens ist das Mittelbild des berühmten, in, Acker von
Hochmauern 1834 gefundenen römischen Mofaikbodenö eingelassen. Das
Hauptbild stellt den griechischen Heros des Gesangs, 0 r p Heus mit der Leier,
dar, auf einem Felsblock sitzend, in jeder Ecke ein durch fein Saite,,spiel ange-
locktes Tier; rings in, Geviert Reste von Wagenlenker- und Iagdfzenen.

Um dieses heidnische Mosaik, das mit Recht als ein meisterhafter Aus-
druck apollinischer Schönheit und dichterischer Begeisterung in Haltung und
Antlitz des Helden gilt, scharen sich in langer Reihe Werke christlicher Kunst,
hauptsächlich Skulpturen, aber auch Tafelgemälde und Glasmalereien aus
dem 15. und 16. Jahrhundert Olymp und christlicher Sternenhimmel mit
Christus und seinen Heiligen, friedlich nebeneinander!

Diese nach Herkunft, Kunstcharakter und Erhaltung heute unschätzbare
Galerie altdeutscher christlicher Bildwerke ist fast ausnahmslos die Schöpfung
eines einzigen Mannes, des kunstbegeisterten Stadtpfarrers von Rottweil,
K i r ch e,, r a t Dr. Johann Georg Martin D u r f ch. Geboren 11. November
1800 zu Degginge n, studierte der hochbegabte Jüngling in Tübingen
Philosophie, Theologie und orientalische Sprachen und erhielt für zwei Preis-
aufgaben einen Preis und eine Belobung. 1825 z„n, Priester geweibt, wid-
mete er sich erst zweieinhalb Jahre dem Studium des Arabischen und Sanskrit
in Paris, wurde dann als Vikar in Weilderstadt angcstellt. Die Ernennung
zum Repetenten am Wilhelmsstift in Tübingen in, Herbst 1828 wurde durch
feine fast gleichzeitige Berufung nach Ehingen als Verweser, dann nach

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