Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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Seine Majestät K önig W i l h e l »i vom Stand der Sache. Der König
kaufte hierauf die Saininlung mit seinen Privatmitteln an und machte sie der
Stadt zum Geschenke, „damit sie für immer da bleibe". Am 14. Oktober 1851
wurde die Sammlung Dursch feierlich als ein Geschenk Seiner Majestät des
Königs Wilhelm der Stadtgemeinde übergeben.

Erwägt man die Geschicke der Sammlungen deö Domdekans Profesior
Or. I. B. von Hirfcher oder der Gebrüder Boisieree, die auch in Stuttgart
ausgestellt und zum Kauf angeboten wurden, so kann man den großmütigen
Schritt des Königs von Württemberg wie die Selbstlosigkeit des priesterlichen
Sammlers nicht hoch genug anschlagen. Vor allem aber verdient der Gründer
der Rottweiler Kunstsammlung den unauslöschlichen Dank des Landes und
Bistums, daß er in einer Zeit der auch bei den meisten berufensten Hütern der
kirchlichen Kunstschätze herrschenden Verständnislosigkeit den Spruch befolgte,
der auch auf eines geistesverwandten Amtögenosien Denkmal später geschrieben
ward:LoIIiZ>t6kruAM6nkn,n6p6r6unt, „Sammelt die übriggebliebenen Stücke,
damit sie nicht zugrunde gehen!" Diese biblische Inschrift las ich kurz nach der
Eröffnung des von Domkapitular Schnütgen in Köln gegründeten, von der
Stadt Köln gebauten Museums auf der Büste, die dem Stifter im Atriunr
deö Schnütgen-Museums gewidmet wurde.

Etwa 200 Stücke zählte die Sammlung der Rottweiler Lorenzkapelle
1851, als sie Or. Dursch der Stadt überließ. Neben den wenigen Vertretern
des byzantinischen, romanischen und Übergangsftilö und sieben GlaSgemälden
sind es überwiegend Skulpturen aus der Zeit von I45O bis 1520. Wie at,S
dem wohl ebenfalls von Dursch selbst geschriebenen Verzeichnis „der altdeut-
schen Kunstwerke" im angeführten Heft der „Neuen Mitteilungen deS
Archäologischen Vereins zu Rottweil" (1870, S. 17 — 23, das erste erschien
im Jahr 1862) hervorgeht, leitete den Sammler bei seiner Tätigkeit das
bestimmte Ziel, „Schnitzwerke nur in dem Bereich des alten Schwabenlandes
zu suchen, der ehedem so reich an solchen Werken war". So brachte Kirchenrat
Dursch im ganzen 153 Holzskulpturen, teils Rundfignren, teils Reliefs,
Einzelbilder und Gruppen, nur Vertreter der schwäbischen Schule, zusammen.
Ausführlich begründet der Gründer der Sammlung, warum er die meist be-
schädigte alte Fassung der Bildwerke entfernen und sie mit einem dem Linden-
holz, dem Material der meisten Schnitzwerke, ähnlichen Farbanstrich über-
stehen ließ. Trotz des heute mehr als damals bedauerten Verlustes der alten
Farben wirken die Rottweiler Bildwerke nach I. Baums Urteil „doch auch
als farblose Skulpturen immer noch groß und edel". Nur da, wo die ur-
sprüngliche Bemalung gut erhalten war, wurde sie belassen. Dazu gehört auch
die in Getzenys Auswahl aufgenommene Heiliqe Elisabeth (Tafel I); ein ähn-
liches Glück war der großen, figurenreichen Gruppe der Kreuzigung Christi
(Nr. 38) beschieden, die eingehend im zweiten Verzeichnis von 1870 beschrieben
ist. Als besonderes Kleinod dieser Sammlung führt Eduard Paulus in den
„Kunst- und Altertumsdenkmälern des Schwarzwaldkreises" (1897, S. 318)
unter den Kunstwerken von höchster Schönheit jene trauernden Frauen an, „in
Gewalt des Ausdrucks, Anmut der Gesichter und der Bewegung und reicher,

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