Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 51
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antikschöner Fältelung der Gewänder ein stets bewunderungswürdiges Werk
der deutschen Holzskulptur des 15. Jahrhunderts". Es ist die einzige Abbil-
dung im großen Werk aus den Schätzen der Lorenzkapellr.

Zu dem für heute wenigstens drängenden Abschluß unseres Einblicks und
Überblicks über St. Laurentius in Rottweil hören wir als Stimme aus dem
Grabe, was der Sammler und Verfasser selbst, Kirchenrat Di°. Johannes
Dursch — defunctiis adhuc loquitur — über sein Werk vor sechzig Jahren
geschrieben hat:

,,Diese Kunstwerke zeigen das Gepräge oder den Charakter der schwä-
bischen Schule in Körperbildung, in den Physiognomien, den Ausdrücken und
Bauwerken, deren Mittelpunkt Ulm war. Es versteht sich von selbst, daß die
Gegenstände der Darstellung aus dieser Zeit vorzüglich religiös-kirchliche sind.
Es erscheinen hier Bildwerke, welche denen der neueren Zeit in Beziehung auf
Kenntnis der Natur, richtige Zeichnung und Modellierung nachstehen, die
aber bei diesen Mängeln sich besonders eigneten, die Gefühle der Meister desto
stärker und ungetrübter wiederzugeben. Die Mängel, welche an diesen Bildern
gewöhnlich wahrgenommen werden, sind gerade geeignet, die Herrschaft
desGeistigen über das Körperliche darzustellen. Diese Bilder haben einen
typischen Charakter, denn cS zeigt sich eine Ähnlichkeit untereinander in dem
Oval der Gesichter, in der Zartheit der Teile, in der Schlankheit der Körper
und in der weichen Biegung und Neigung. Die künstlerische Beschaffenheit
diente besonders dazu, den religiösen Gefühlen ihrer Zeit den Ausdruck
frommer Hingebung zu verleihen, welche sich insbesondere in den Ausdrücken
der Frömmigkeit, edler Einfalt, Glaubensmutes, Seelenreinheit, Geduld,
Sanftmut, Naivität offenbaren."

Kunst und Kritik.

„Wer mit der Kritik beginnt, beraubt sich einfach der Möglichkeit künstlerischen Ver-
ständnisses."

Dieses Wort Böhmers (wohl des grossen Frankfurter Historikers »nd Lehrers Joh.
Janffens, Johann Friedrich Böhmer 1795 — 1865), zitiert Kirchenrat Dr. Dursch im Ver-
zeichnis der altdeutschen Bildwerke der Lorenzkapelle in Rottweil 1870, S. 25), vgl. oben
Seite 46.

Moderne Kunst und Kirche.

Die Kirche läuft der Kunst nicht nach, den» sie bedarf derselben zur Erfüllung ihrer
wesentlichen Aufgabe nicht. Sic wird nie um akzidenteller Beihilfe wegen sich selbst ver-
leugnen und wesentliche Güter preisgeben. Die Kirche besitzt aus früheren Jahrhunderten
gewaltige Kunstschätze, und wie sie selbst die Schöpfer der altchriftlichen Kunst und die
Erbauer der Dome überlebt bat, so wird sie auch jene Werke überdauern, die Gläubige und
Ungläubige noch Jahrhunderte hindurch erbauen werden. Deshalb wartet sie mit ruhigen»
Vertrauen auf Meister einer späteren Zeit, denen es vielleicht Vorbehalten ist, die moderne
Kunst wiederum in den Schoss der Kirche zurückzuführen. In» übrigen ist der Reichtum der
kirchlichen Kunstschätze so gross und »och heute so erbaulich, dass die Kirche durch einen Ver-
zicht auf moderne Kunst sich keines beträchtlichen Vorteils begibt.

Aus H. Fahfel, Gespräche n»it einem Gottlosen. 1927. S. 210.

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