Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 52
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Der ßarotf in Aerlchnmben.

Vortrag des 1' Amtsgerichtsdirektors A u g u st B r c u ch a in Göppingen
auf der Rottweiler Tagung des DiözefankunstvereinS.

Wenn wir Volksbildung pflegen, darf die Kunst als Bildungömittel nicht
fehlen. Sie hat aber tatsächlich in der Vergangenheit ein ganzes Jahrhundert
lang gefehlt. Das deutsche Geistesleben war einseitig auf die Wissenschaft, auf
Wissenserweiterung und Verstandespflege eingestellt. Es ist nötig, daß unsere
Bildung eine Wendung zur Kunst nehme. Sie kann das am einfachsten dadurch
tun, daß sie sich unserer Vergangenheit zuwendet, denn die reiche Kultur
unserer oberschwäbischen Vergangenheit ist eine durch und durch künstlerische.
Oberschwaben ist voll von Kunst, von echter lind großer Kunst; auch Stadt
und Bezirk Rottweil sind reich an solcher. Zu dieser Kunst muffen wir ein
inneres Verhältnis zu gewinnen suchen. Es handelt sich also nicht so fast
darum, unser Wissen zu bereichern mit der Kenntnis kunstgeschichtlicher Kate-
gorien, Zeitabschnitte, Namen und Daten, als darum, daß wir die Seele
dieser Kunst und den Geist ihrer Entstehungszeit ahnen, daß wir Freude ge-
winnen an ihr, daß wir sie lieben lernen. Der Weg dazu führt allerdings über
kunstgeschichtliche Kenntnisse, denn auch das Kunstgenießen will, wie jede
andere wahre Freude, durch Arbeit verdient sein.

Die Kunst Oberschwabens ist die Kunst des 18. Jahrhunderts, ist der
Barock. So stark war diese Kulturbewegung, daß sie wie ein reißender Strom
alles niederriß, was die vorausgegangene große Epoche des Mittelalters
geschaffen und der Dreißigjährige Krieg übriggelassen hatte. Das Ulmer
Münster und die Idylle des Blaubeurer Klosterchors sind fast das Einzige,
was uns an mittelalterlicher Baukunst übriggeblieben ist, in Gebieten, die
jenem Strom nicht erreichbar waren. In Frankreich war die Kultur des
18. Jahrhunderts literarisch: Nommer Voltaire c’est caracteriser tout le XVIII
siede. Der Name Voltaire charakterisiert dort daö ganze Jahrhundert. Bei
uns aber, in ganz Süddeutschland, war das Bauen die große Passion der
geistlichen und weltlichen Fürsten, und wir dürfen ruhig sagen, die große
Leidenschaft des ganzen Volkes. Die Wendling zur Literatur hat unsere
Kultur erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts gemacht, um dann freilich ein
ganzes Jahrhundert lang von ihr beherrscht ju werden.

Es ist mir vorgeschlagen worden, über unsere Rottweiler Kirchen zli reden.
Aber da ich ans Werk ging, erkannte ich, daß eine erfolgreiche Besprechung
derselben ein breiteres Fundament brauche. Wenn Sie das Wesen des Barock
verstehen, da,l» haben Sie den Schlüssel, mit dem Sic die Schönheiten
unserer Kirchen sich selbst aufschließen können, und diesen Schlüssel möchte ich
Ihnen heute geben; in einem anderen Vortrage wollen wir ihn dann zur An-
wendung bringen lind eintreten in die schönen Hallen unserer Heiligtümer. Es
wird dabei hauptsächlich von der Architektur die Rede sein, denn sie ist die
Achse der Kunst, wie die Philosophie die Achse der Wissenschaft ist.

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