Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 54
DOI Heft: 10.11588/diglit.15946.9
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15946.13
DOI Seite: 10.11588/diglit.15946#0058
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1928/0058
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Herzog Wilhelm V. von Bayern erbaute Michaelshofkirche in München. Für
unser schwäbisches Gebiet ist das Ulmer Münster das großartige Filiale, die
mächtige Schlußfuge des Mittelalters: Sankt Michael in München ist ein
Anfang, ist „der dröhnende Glockenschlag einer neuen Zeit". Man kann die
Bedeutung dieser gewaltigen Raumschöpfung für die ganze künstlerische Ent-
wicklung der süddeutschen Kirchenbaukunst nicht hoch genug einschätzen. Wie in
einer Keimzelle finden sich hier die lebensfähigen Energien der Vergangenheit
vererbt und alle Möglichkeiten der Folgezeit vorgebildet.

Unter Barock verstehen wir nicht bloß einen Baustil, sondern ein ganz
bestimmtes Lebensgefühl, eine Gesinnung und eine Weltanschauung, und zwar
jene Weltanschauung, die im südlichen und westlichen Europa im 17. und
18. Jahrhundert die geltende war und aus der heraus nicht nur die große
Zahl jener herrlichen profanen und kirchlichen Bauten, die wir als Barock-
bauten bezeichnen, sondern eine ganze Kultur des politischen und gesellschaft-
lichen, des künstlerischen, wissenschaftlichen und religiösen Lebens entstanden ist.

Die Baukunst des Barock ist im wesentlichen religiöser Natur. Der
Kirchenbau findet im katholischen Süden vor Rathaus, Amtshaus, Schloß
und Palast das nationale Problem der deutschen Baukunst. Klosterbauten
sind neben ihren Kirchen von geringer Bedeutung. Dies gilt auch für unsere
hiesige Stadt. Wir haben in derselben bedeutende Prosanbauten. Aber was
wollen sie besagen gegenüber unseren drei Kirchen! Es ist auffallend, wie
wenig in der Geschichte des Barocks die Schloßbauten von Stuttgart, Lud-
wigSburg, Hohenheim und Solitude erwähnt werden; in den protestantischen
Norden dagegen ist die Barockkunst säst nur als höfische Kunst durch die
Schloßbauten prachtliebender Fürsten gekommen. Dort höfische Kunst, hier
oben Volkskunst; dort Fremdkörper, hier Äußerung der Volksseele.

Hauttmann, dessen Untersuchungen und Zusammenstellungen bahnbrechend
für die künftige Betrachtung dieser Kunst sein werden, vermeidet die bisher
gebräuchlichen Unterscheidungen Barock, Rokoko, Louis XVI., er unterscheidet
mit überzeugender Begründung drei große, freilich nicht scharf gegeneinander
abgrenzbare, sondern ineinander übergehende Abschnitte der Bewegung:
eine Frühstufe, die durch den Dreißigjährigen Krieg eine gewaltsame Unter-
brechung findet, von 1580 bis 1650, eine Hochstufe von 1650 bis 1720, die
durch das Jahr 1700 in eine frühere und eine spätere Phase geteilt wird,
endlich eine Spätstufe von 1720 bis 1780, die etwa 1760 ihren Höhepunkt
erreicht und von da ab bis etwa 1780 allmählich abklingt, um dann jäh abzu-
fallcn. Mißlich ist, daß er keine die ganze mit Recht von ihm zu einer Einheit
zusammengefaßte Entwicklung treffende neue Bezeichnung geprägt hat, so daß
man wohl auch künftig die ganze Periode unter der Bezeichnung Barock im
weiteren Sinne zusammenfassen wird.

Die erste Periode, 1580 bis 1650, bat in Oberschwaben nicht viel hervor-
gebracht; diese hat sich erst etwa ein Menschenalter nach dem westfälischen
Frieden aus den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges wieder erhoben.
Es fallen in dieselbe der Umbau des mittelalterlichen KloftermünsterS Zwie-
falten dtirch Kager und der Unrbau der Pfarrkirche in AltShausen (1612),

54
loading ...