Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 56
DOI Heft: 10.11588/diglit.15946.9
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15946.13
DOI Seite: 10.11588/diglit.15946#0060
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1928/0060
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
vorragende Geschicklichkeit und Leichtigkeit seines Schaffens. Er tritt auf
seinen Reisen in Berührung mit Wien und durch Cuvillier mit Paris und
gewinnt so zum Handwerk die Kunst und wird vom Baumeister zum modernen
Architekten. Durch die Verbindung mit Wien und Paris ist seine Kunst dem
Heimischen entwachsen, hat Welt bekommen und reicht hinauf in die inter-
nationale Entwicklung. Ungewöhnlich ist auch seine Fruchtbarkeit. Er soll
32 Gotteshäuser und 23 Klöster erbaut haben, wie auf seinem Grabstein in
München zu lesen ist.

Von ganz anderem Schlag ist Dominikus Zimmermann. Er ist der
bescheidenste, volkstümlichste und liebenswürdigste Meister des großen Drei-
geftirnö; von mozartischer Heiterkeit, im edelsten Sinne lustig. Wer einmal
einen Raum von ihm gesehen hat, vergißt ihn nicht: alles tanzt und ist voll
Leben, selbst auf die Fenfterformen überträgt sich dieses schäumende Leben.
Dagegen ist Franz Beer ganz malerisch. Gebiirtig aus dein Stukkatorendorf
Weffobrunn, später ansässig in Landsberg, baut er im Dienste entlegener
Klöster und frommer Nonnen Devotionskapellen und Wallfahrtskirchen, »nd
als Einundsechzigjähriger sein einziges großes Werk, die Wallfahrtskirche in
der Wies, mit der er unter die ersten Meister der deutschen Baukunst rückt.
Im Auftrag der Prämonstratenser in Schuffenried baute er die entzückende
Wallfahrtskirche von Steinhaufen, an der sich das Kloster fast verblutete und
deren Unterhaltung jetzt der kleinen Landgemeinde über die Kraft geht. Zwei-
mal sucht er beim Kloster Schuffenried darum nach,iu dies vitae in daS Kloster
ausgenommen zu werden. Als seine Bitte abgelehnt wurde, zog er sich in die
Wies zurück, um in der Einsamkeit, bei seinem großen Lebenswerk, den Rest
seiner Tage zu verbringen und einundachtzigjährig dort zu sterben.

Der weitaus größte und genialste der drei Meister ist Balthasar N e u-
in a n n, der Erbauer deS Würzburger SchloffeS, der Wallfahrtskirche Vier-
zehnheiligen und der Benediktinerkirche Neresheim, ein Künstler von der
Universalität LionardoS und Michelangelos, eine Kraftnatur wie Rubens,
von der Reife eines Rembrandt, die Verwirklichung des Ideals des schöpfe-
rischen Menschen der Neuzeit, Mathematiker, Artillerieoberst, Festungsbau-
meister, Militär- und Zivilingenieur, Baudirektor der geistlichen Fürsten-
tümer Bamberg und Würzburg und der Stadt Würzburg, Architekt und
künstlerischer Berater der geistlichen Schönbornfürsten in Speyer, Trier und
Kurköln, Dirigent einer großen Schar von Künstlern bis hinauf zum Range
eines Tiepolo, ebenso groß im Technisch-Konstruktiven wie im Künstlerisch-
Bildnerischen. Auf schwäbischem Boden hat er sich verewigt in Neresheim und
Schöntal.

In Oberschwabenchaben kleinere Meister, die um die großen Sterne krei-
sten, Bedeutendes geschaffen, so Johann Kaspar Bagnato den Chor der
Ehinger Stadtpfarrkirche, KleinhanS die reizende Pfarrkirche von Erbach.

In der Periode des Abklangö dringen die fremden Baumeister wieder
herein. Der bedeutendste von ihnen neben Specht in Wiblingen tst Ixnard,
der Erbauer von Buchau; er hat unter anderem für den Malefizschenken von
Oberdischingen den dortigen bedeutsamen Zentralbau erstellt.

56
loading ...