Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 60
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Staaten lind Städtchen waren ans das Prinzip des Rechtes gegründet, ohne
jede Macht, einzig nnd allein auf kulturellem Gebiet rivalisierend. Als null
mit Napoleon und seinen deutschen Nachahmern das Prinzip der Macht sich
erhob, wurden sie insgesamt eine leichte Beute der Gewalt. Es war ein
Kulturbruch sondergleichen. Oberschwaben verlor sein kulturelles Eigenleben,
es wurde Provinz von Stuttgart, kam nicht bloß politisch und wirtschaftlich,
sondern auch geistig in Abhängigkeit von Altwürttemberg, dem es vorher in
kultureller Hinsicht überlegen war. Es hat sich von diesem Schlag bis heute
nicht erholt.

Die Kunst war aber schon zwanzig Jahre vorher hingestorben, sie war in
„Louis XVI." und Klassizismus greisenhaft geworden. Aufklärung und Jose-
phinismus erwürgten sie vollends. Eine Beruhigung, Abkühlung und Ernüch-
terung mußte kommen: die Freiheit, die Glut und das Pathos von Zwiefalten,
Ottobeuren und NereSheim ließen sich nicht mehr steigern. Es kam denn alich
tatsächlich der Abstieg, ja ein jäher Absturz. Der Kirchenbau hat auf ein Iahr-
hundertlang überhaupt aufgehört, die Kunst zog sich ans dem Volke auf die
Akademien lind in die Residenzen zurück und erlebte auch sofort in Stuttgart
in der sogenannten Dannecker-Periodc mit Dannecker, Hetsch, Wächter, Schick
und Dieterich eine Blüteperiode, in der sie immer noch einen monumentalen
Zug („edle Einfalt lind stille Größe" war damals das Ideal), aber schon keine
Volkstümlichkeit mehr hatte. Das Handwerk verlor mit den großen Auf-
trägen auch seinen großen Zug und schließlich jegliche Erfindungskraft, immer
tiefer sank das kulturelle Niveau, und schließlich kam in der wilhelminischen
Periode der große kulturelle Tiefstand, der den ungeheuren Aufschwung auf
wirtschaftlichem und politischem Gebiet begleitete und der uns ans den Bauten
dieser Periode in der Großstadt und in der Kleinstadt anstarrt. Und im Welt-
krieg kam schließlich die große Katastrophe, zu der die Befreiung deö Indi-'
viduums aus den Bindungen der christlichen Religion und der religiösen Ge-
meinschaft führen mußte.

Aber wir sind nicht wie diejenigen, „die keine Hoffnung haben" nnd pessi-
iniftisch den „Untergang deö Abendlandes" erwarten. Wir glauben an einen
Ausstieg des deutschen Geistes und der deutschen Kunst, an einen Aufstieg des
Abendlandes, wenn sie sich erneuern im Geiste lebendigen Christentums. Noch
einmal könnte der benediktinische Geist das Antlitz des Abendlandes erneuern,
wenn nämlich diese Erneuerung aus der liturgischen Bewegung heraus erfol-
gen würde, deren Hauptträger ja eben der Orden des heiligen Benedikt ist.

Der Barock ist die Seele zweier Jahrhunderte gewesen, der Zeit der
Glaubenskämpfe und des kirchlichen Wiederaufbaus, des Dreißigjährigen
Krieges, der Feldzüge Habsburgs gegen die Türken und die Franzosen, der
Zeit großer Feldherrn und großer Staatsmänner, großer Abenteurer und
großer Heiliger, die Zeit der Perücke und eines verschnörkelten Fornrelwesens
in Recht und Wisienschaft. aber auch die Zeit eines köstlich bewegten schöpfe-
rischen Lebens auf dem Gebiet der Dichtung, der Kunst nnd der Religion. Der
Barock ist die letzte große Kultur gewesen, die diesen Namen verdient.

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