Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 62
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solche Monstranzen entsprechen, die den sakramentalen Heiland in der heiligen
Hostie als alles beherrschenden und ausstrahlenden Mittelpunkt zeigen. Das
wird bei den Kreuz- und Turmmonstranzen weniger der Fall sein, jedoch a>n
ehesten zutreffen bei den Sonnenmonstranzen. Die Sonnenmonstranz hat die
runde Form der Hostie zur selbstverständlichen Voraussetzung und wird dem-
nach das ganze Gerät gestalten. Sie hat auch am meisten Sinnbildgehalt. Da
die heutige Zeit nicht mehr wie früher Mittel für die Herstellung reicher, üppi-
ger Schaustücke besitzt, sind dem Künstler Fesseln angelegt. Aber die ihm
auferlegte Selbstzucht, die ihm ein Zuviel verbietet, wird eine Schule der
Einfachheit, die doch wieder künstlerisch Wertvolles wirkt. Das sehen wir an
der neuen Heilbronner Monstranz.

Der Entwurf stammt von Joseph Michael Lock (Heilbronn) und verrät
durchaus hochentwickelten, selbständigen Sinn für echte Art: Wahrung des
Wesentlichen bei aller Bereicherung im Einzelnen. Diese Anerkennung ist um
so bedeutsamer, da Lock erstmals eine Monstranz entworfen hat. Dieselbe ist
aus Silber gearbeitet und mit Gold überzogen. Der einfache breite Fuß ist
vom Silberarbeiter von Hand geschlagen, der schlichte Schaft in geschnitztem
Elfenbein gehalten, das mit dem Gold des Ganzen gut zusammengeht. Die
63 Zentimeter hohe Monstranz behält die Sonnenform in einfachster, doch
sehr ansprechender Art bei. 41 große und 44 kleine, vom Ziseleur ausgeführte
Flammenzungen umlodern den heiligen Mittelpunkt. Das blendende Feuer-
meer der zuckenden Flammenzungen entquillt einer reichen Verzierung, die das
Lunulagehäufe wie mit einem kostbaren Kranz umgrenzt. Hier ist Bestes zu
sehen. Diese Verzierung ist eine ungewöhnlich feine, aber auch schwierige
Montierarbeit der Goldschmiedin Paula Straus. Mit besonderem Geschick
bat sie das zarte Geflecht gefertigt und gelegt. Dieses wertvolle kleine Eigen-
kunstwerk krönt ein Kreuz aus Bergkristall. Echte Steiuc, wie Smaragde,
Rubine, Saphire lind Bergkristalle beleben in keuscher Zurückhaltung das
hl. Gehäuse. Auch dieses Werk haben die Bruckmannwerkstätten ausgeführt;
sie geben sich damit erneut das Zeugnis bester kunstgewerblicher Leistungsfähig-
keit auch auf dem Gebiete katholischer Kultgeräte. Die neue Monstranz
bringt in ihrem Funkeln des Edelmetalls und in dem farbigen Aufleuchten
der Edelsteine eine gute malerische Wirkung hervor, die mit echten und ein-
fachen Mitteln erreicht ist. Schönheit, Ruhe und Wärme weht von der
Monstranz entgegen. Auch nur rein künstlerisch gewertet, besitzt sie die Gabe
des MidaS, zu vergolden, jtt verklären. —

Leuchter wie Monstranz sind hochherzige Stiftungen eines verdienten Gön-
ners der St. AuguftinuSkirche, des Herrn Fabrikdirektors Fritz Schober bei
Bruckmann A.G., der als Sachverständiger die Ausführungen aufmerksam
verfolgte. In der Monstranz wollte er sich auf seine Art ein Grabmal setzen.
Erwähnt sei, daß derselbe Gönner aus einer Privatsammlung einen reich zise-
lierten silbernen Barockkelch erwarb und ihn seinem ursprünglichen Zwecke zu-
führte. Der Kelch, eine gute Silberschmiedarbeit, wurde neu gefaßt, geweiht
und der St. Augustinuskirche zur Verwendung überlassen. Auch das ist ein
Stück Kulturarbeit, doppelt lehrreich für unsere Zeit.

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