Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 64
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haben wir anzunehmen, daß seine vor der Natur entstandenen Blätter eine
noch weitaus höhere Ziffer erreicht haben. Wie vielen Figuren seiner Holz-
schnitte lind Stiche sieht man an, daß ihnen genaue Naturstudien zugrunde
liegen, sie sind heute nicht mehr erhalten! llnb höchstwahrscheinlich ist eö doch,
daß er allen Bildnisien, die er malte, zunächst einmal Zeichnungen voraus-
gehen ließ, nlit deren Hilfe er sich über Wesen und Formencharakter der Er-
scheinung der Darznstellenden Klarheit verschaffte,— sind doch die Holzschnitt-
bildniffe Kaiser Maximilians und Varnbnhlerö lind das Kupferstichbildnis
des Kurfürsten Friedrichs des Weisen von ihm in sorgfältigen Zeichnungen
nach der Natur vorbereitet worden. Aber die Vorarbeiten zu den gemalten
Porträts kamen nicht auf unsere Zeit.

In jungen Jahren und in der Zeit seiner Wanderschaft mag er sich oft
nlit mehr oder weniger flüchtigen Skizzen nach der Natur begnügt und sich
häufig auch auf sein angeborenes gutes FormengedächtniS verlassen haben.
Doch dann geht er, getrieben von einer wahrhaft faustischen Begierde, den
lebendigen Organismus von Mensch, Pflanze und Tier, ja auch der Landschaft
im Innersten zu erkunden lind zu erfassen, immer gründlicher, strenger und
systematischer vor. Er muß wie ein Menzel unablässig, man möchte fast sagen:
täglich beobachtend und aufzeichnend vor der Natur gestanden haben. Keines
der ihm zu Gebote stehenden zeichnerischen Mittel läßt er ungenutzt, weder
Silberstift lind Feder, noch Kohle, Kreide und Pinsel, und er greift je nach
denl Wesen und den, malerischen Reiz des Objektes unzähligemale auch zur
Tusche und zur Agliarell- und Deckfarbe. Papier und Pergament werden von
ihm in sinnvollem Wechsel herangezogen. Und vielleicht hat er auch der Lein-
wand, des Tüchleinö, wie man damals sagte, sich bedient. Als er in Italien
gewesen ist und dort sein Farbensinn eine Belebung und Steigerung erfahren
hat, nimmt er gern getöntes Papier und arbeitet in den Handzeichnungen mit
Vorliebe mit aufgesetzten Lichtern und breit angelegten Schatten und Ton-
werten. Bald begnügt er sich mit raschen flüchtigen Strichen, wieB. bei der
Skizze nach seinem jungen Weibe, die einen häuslichen Eindruck in fliegender
Eile spiegelt, oder bei dem ganz nur auf das Notwendigste des Ausdrucks ge-
richteten genialen Erlanger Selbstbildnis aus der Zeit um 1491. Bald zeich-
net er fast miniaturhaft genau wie bei der Studie nach dem Feldhasen (1514),
oder dringt bis in jede verborgene Falte und Schattentiefe vor wie bei der in
den Niederlanden gemachten Zeichnung nach dem bartumwallten Haupt des
schlafenden Alten (1521), oder den Beterhänden für den Helleraltar (1508).
Bald umfährt er die Formen, die den Kopfaufbau eines Menschen bestimmen,
init geschmeidig anschließenden, groß zusammenhängenden Linien und setzt nur
leichte Schattentöue ein wie in der berühmten großen Kohlezeichnung nach der
todkranken Mutter (1514) und dem heiter lebendigen Herrscherantlitz Kaiser
Maximilians (1518). Und bald hebt er Faltengrade und wellige Ebenen von
vielfältigen Gewändern, die stürzen, aufwogen oder breit lagern und schlep-
pen, aus tiefen Schattenschluchten ins glänzende Licht, indem er sie durch
blankes Weiß formumklammernd mit plastischer Lust modelliert, wie in den
Gewandstndien znm Helleraltar (1508), oder er gibt Landschaftseindrücke

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