Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 68
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Wirkung dieses großen Barockkünstlers in
der Heimat wie in der Fremde, und so sind
mangels von Signaturen die Zuweisungen
echter Originalwerke Permosers und die
Scheidung von Werkstatt- und ImitationS-
arbeitcn von Schülern und Nachahmern oft
recht problematischer Art. Vielfältige mo-
numentale, dekorative und kunstgewerbliche
kleine Plastik umfaßte das eigenhändige
Schaffen Permosers. So interessant wie
sein bisher nur einem kleinen Kreis von
Fachleuten bekanntes Wirken ist auch das
i'efccn diejcs echten Vertreters des Barock-
zeitalters; das Ruhelose, Wandelbare, Un-
bändige und Ungebändigte jenes Stils zeigt
Permosers Leben und Schaffen in gleicher
Weise. Aber auch daö Doppelgcsicht der
Barockkunst: der religiös-aszetische Grundzug
des Zeitalters der Gegenreformation und
der weltlich-sinnliche Charakter des Jahr-
hunderts fürstlichen Absolutismus, Rom
und Paris, Ignatius von Loyola und Lud-
wig XIV., diese Gegenpole neuzeitlicher Gei-
ftesrichtung, nicht immer im Denken und
Leben, in Staat und Kirche streng geschie-
den, machen auch die Wcsenszügc Permoser-
scher Plastik aus. Salzburg, Wien, Dres-
den (Zwinger und Hofkirche, Grünes Ge-
wölbe), Berlin, Florenz, Genua und Rom
sind die Hauptstätten seines Schaffens.
Schwärmerisch verzückte Heilige, sinnlich
erregte und vielleicht auch in gewissen Zeiten
erregende Frauengestalten, dieses Ineinan-
dergreifen von sinnbildlicher und sinnlicher
Gestaltung vor allem in den Mästen alle-

gorischer Weibsfiguren, die Abwandlung
des Pathetischen (z. B. Marterdarstellun-
gcn der Heiligen Laurentius, Sebastian
u. a. ins Idyllische ist charakteristisch für
das reichhaltige Lebenswerk des großen Ba-
rockmeisters. Holz, Marmor, Elfenbein,
Goß- und Kleinplastik beherrscht Permoser
in gleichem Maße mit gleich virtuoser Tech-
nik. Bezeichnend für den zwischen verwelt-
lichtem Kirchenfürstentum und weltlichem
Fürstenabsolutismus hin und her schwanken-
den Künstler, daß er als Vicrundsiebzig-
jähriger 1725 nach Rom wallfahrtete, ge-
drängt von der im Alter wieder hervor-
quellenden Religiosität der Jugendzeit und
kurz vor seinem Tod 1752 für sein Grab
auf dem alten katholischen Friedhof in
Dresden die heute noch dort in der Kapelle
stehende Kreuzigungsgruppe selber in Sand-
stein arbeitete. „Mit diesem letzten Werk
schließt Permoser den Ring seiner Ge-
staltungsmvglichkeiten; der erschütternde, er-
greifende Naturalismus der gepeinigten
Christusgestalten und gleichzeitig die gelas-
sene Würde und zurückgedämmte Kraft der
Kirchenväter sind in dieser Passionsszene",
wie MichalSki treffend charakterisiert. Sein
Verdienst wird es bleiben, der Gestalt des
großen Barockbildhauers Balthasar Per-
moser den Platz in der Geschichte der deut-
schen Kunst eingeräumt zu haben, der Ahm
schon nach unserem leider wegen Raum-
mangel gekürzten Referat offenkundig ge-
bührt.

A.N.

ERHEN6ER0I80»ER KUNSTVEREIM

Vom 14. Juli bis 12. August 1928
anläßlich der Jahrhundert?Feier

KUNSTGEBÄUDE

SCHLOSSPLATZ

der Diözese Rottenburg

Ausstellung

religiöser lliunst der Gegenwart in Württemberg.

Gemälde, Graphik,
Plast! k, Architektur

Geöffnet wochentags von 10—17 Uhr

Sonntags von 11 — 16 Uhr

Eintritt für Nichtniitglieder 1.— RM.

Wegen des KatH. Volks- und Hauskalenders und des Diözesanjubiläuins konnte der Satz
' des Aprilheftes seitens der Druckerei erst int Juli begonnen werden.

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