Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 71
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zu sein. Ich vermute, daß ein gut Teil der altdeutschen Gemälde, die wir als
Rottweiler Kouviktoren der neunziger Jahre im Vorzimmer derVorsteherwoh-
nung des f Professors Dr. Leo H e p p sahen und mit mehr oder weniger Ver-
ständnis anstaunten, aus dieser Versteigerung stammte. Ich entsinne mich noch
besonders gut eines Zyklus von spätgotischen Darstellungen aus der Ursula-
legende, von denen einzelne sich noch im Besitz von Neffen und Nichten des
verewigten, aus Mengen stammenden Priesters befinden. Hätte in jenen Jahr-
zehnten weit mehr Männer im Klerus die Begeisterung der Romantik für
mittelalterliche Kunst erfaßt, wie sie ein Oberfinanzrat Eser4) in Württem-
berg oder die Gebrüder Boisieree am Rhein oder Kommerzienrat I. Erhard in
Gmünd betätigten, es würde wohl, wenn anders wir den Kunst- und Opfersinn
der Rottenburger Priesterschaft richtig präjudizieren, um den Bestand deS
heutigen Diözesanmuseums bester stehen. Eine interestante Aufgabe wäre eS,
zu untersuchen, wie der katholische KleruS in unserem Land durch Anlegung
von Sammlungen sich um Wertung und Erhaltung der Kunstwerke der Ver-
gangenheit verdient gemacht hat. Vor der Säkularisation waren es besonders
einzelne Äbte und Prälaten, die nach dem Vorbild der fürstlichen „Kunst-
kammern" des 18. Jahrhunderts, freilich unter Hintansetzung der romanischen
und gotischen Bildwerke, Kunstkabinette oder Galerien gründeten. Vor allem
erfreute sich Weingarten einer ansehnlichen Bildersammlung seit Bucelins
Sammeltätigkeit. Nach der Zerstreuung klösterlicher Kunstschätze in alle Welt
waren eS in Schwaben neben dein größten Sammler Dursch Männer wie die
Domdekane I. B. Hirscher und Iaumann, Pfarrer Neuber in Bargau (ans
einer Gmünder Patrizierfamilie), Dr. Probst in Estendorf und Dr. Werfer
in Otterswang u. a., die ansehnliche Schätze alter Kunst zusammenbrachten.

Wie Bischof Lipp aus dem Besitz eines Diözesanpriefterö die große Dursch-
Galerie wenige Jahre vor seinem Tod erwarb und die für iene Zeit hohe
Summe von 3^33 fl. dafür opferte, so haben seine Nachfolger, Karl Joseph
von Hefele, Wilhelm von Reiser, Paul Wilhelm von Keppler durch Schen-
kungen oder Vermächtniste ähnlicher Herkunft den Grundstock der bischöflichen
Galerie (damals etwa 60 Nummern) um etwa ein Drittel des ursprünglichen
Standes erhöbt. Die einzelnen Bilder waren in den verschiedenen Privat-
gemächern (wie z. B. das herrliche Gnadenstuhlgemälde, Nr. 9 in Pfeffere
Ausgabe, über dem Schreibpult des Bischofs Joseph von Lipp) oder in der
bischöflichen Hauskapelle untergebracht, später auch einzelne in einem Neben-
raum des Palais verstaut. Schon diese Art der Unterbringung der Gemälde-
sammlung während eines halben Jahrhunderts widerspricht der Annahme
einer Museumsbestimmung, den elementarsten musealen Anforderungen. Eine
wesentliche Eigenschaft eines Museums ist neben der Zweckbestimmung die
öffentliche Zugänglichkeit. Diese existierte auch nicht für den kleinsten Teil der
Geistlichkeit, geschweige denn für Laien. Weder für die Theologen Tübingens,
noch für die in viel größerer Nähe befindlichen Priesterseminarzöglinge wurden
je in früheren Jahrzehnten Führungen durch die Kunstschätze deö bischöflichen
Palais gestattet oder auch nur nachgesucht. Nur Profeffor Dr. Konrad Lange

4) Vgl. die interessant« Seltstbiographie Csers, bgeb. von P. Beck 1907.

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